Noam Chomsky

Die Verantwortlichkeit der Intellektuellen

Frankfurt am Main 1971 

Objektivität und liberales Gelehrtentum

 

Ch. Zitiert eingangs aus einem Essay von Conor Cruise O’Brien , in dem von einer „durch die systematische Korruption ihrer Intelligenz verstĂĽmmelten Gesellschaft“ die Rede ist. Dagegen fordert der Autor, dass „die Gemeinschaft der Intellektuellen die Aufgabe hat, nicht nur allgemeine Prinzipien auszuarbeiten, sondern erhöhte und besondere Wachsamkeit zu ĂĽben angesichts der besonderen und zunehmenden Gefährdung ihrer Integrität.“ (zit. S. 7) 

„Der ‚freischwebende Intellektuelle’ kann sich mit Problemen beschäftigen, die in sich interessant und wichtig sind – unabhängig davon, ob er dabei Erfolg hat oder nicht. Der professionelle Intellektuelle dagegen neigt dazu, seine Probleme aufgrund der von ihm beherrschten Methode zu definieren und hat den verständlichen Wunsch, sein Können zu erproben.“ (8) 

„Diese verschiedenen Faktoren – Zugang zur Macht, allgemein herrschende Ideologie, Professionalisierung – mögen an sich beklagenswert sein oder nicht; es besteht jedoch kein Zweifel daran, dass sie durch ihr Zusammenspiel eine ernsthafte Gefahr fĂĽr die Integrität des Gelehrten auf den Gebieten bedeuten, die um intellektuelle Anerkennung kämpfen...“ (9) 

„Tatsache ist, dass die amerikanischen Intellektuellen immer mehr den Status einer doppelt privilegierten Elite einnehmen: erstens als amerikanische BĂĽrger im Hinblick auf die ĂĽbrige Welt, und zweitens aufgrund ihrer Rolle in der amerikanischen Gesellschaft, die zweifellos recht zentral ist...“ (11) 

Ch. Zitiert Zbigniew Brzezinski:

Auch er sehe, dass ein „tiefgreifender Wandel“ in der Gruppe der Intellektuellen stattfindet, da „der weitgehend humanistisch, gelegentlich auch ideologisch orientierte intellektuelle Dissident, der seine Funktion hauptsächlich darin sieht, Kritik an der Gesellschaft zu ĂĽben, schnell ersetzt wird – entweder durch Experten und Spezialisten, die in besondere Regierungsunternehmungen verwickelt sind, oder durch die Generalintegratoren, die in Wahrheit die Hausideologen der Machthaber sind und fĂĽr die umfassende intellektuelle Integration heterogener Handlungen sorgen.“ (zit. S. 13)

Brzezinski spricht von „applikationssĂĽchtigen Intellektuellen“ (14) 

Einige Betrachtungen ĂĽber die Intellektuellen und die Schulen 

„Es ist erschreckend zu beobachten, wie relativ gleichgĂĽltig amerikanische Intellektuelle auf die unmittelbaren Handlungen ihrer Regierung und deren politische Pläne reagieren, und wie oft sie bereit – oder gar darauf erpicht – sind, bei der DurchfĂĽhrung dieser Politik eine Rolle zu spielen.“ (118) S. auch S. 124 

Die Verantwortlichkeit der Intellektuellen 

„Die Intellektuellen sind in der Lage, die LĂĽgen der Regierungen zu entlarven, die Handlungen nach ihren Ursachen, Motiven und oft verborgenen Absichten zu analysieren. Zumindest in der westlichen Welt haben sie jene Macht, die sich aus der politischen Freiheit, dem Zugang / zu Informationen und der Redefreiheit herleitet. FĂĽr eine privilegierte Minderheit hält die westliche Demokratie die MuĂźe, die Einrichtungen und die Ausbildung bereit, die es ihr erlauben, die Wahrheit zu suchen, die sich hinter dem Schleier von Verzerrung und Verdrehung, Ideologie und Klasseninteresse verbirgt, unter dem die gegenwärtigen geschichtlichen Ereignisse sich uns darstellen..“(125/26) 

„Die Intellektuellen haben die Verantwortung, die Wahrheit zu sagen und LĂĽgen aufzudecken. Dies zumindest möchte man fĂĽr einen Gemeinplatz halten, der keines Kommentars bedarf. Doch nichts da; fĂĽr den modernen Intellektuellen ist das keineswegs ausgemacht.“ (126) 

„Es spricht einiges fĂĽr die Schlussfolgerung, dass es in der Tat so etwas wie einen Konsensus unter den Intellektuellen gibt, die bereits zu Macht und Wohlstand gekommen sind, oder die glauben, dass sie beides erreichen können, wenn sie ‚die Gesellschaft nehmen’ wie sie ist und die Werte fördern, die in dieser Gesellschaft ‚hochgehalten werden’. Es trifft auch zu, dass dieser Konsensus am deutlichsten zutage tritt bei den verantwortlichen akademischen Experten, die die unabhängigen Intellektuellen der Vergangenheit allmählich ersetzen.“ (150)