Sebastian Haffner

Geschichte eines Deutschen

Die Erinnerungen 1914 - 1933

Stuttgart/MĂŒnchen 2000

 

„Ich habe in die Ereignisse nicht eingegriffen, ich war nicht einmal ein besonders eingeweihter Augenzeuge, und niemand kann die Bedeutung meiner Person skeptischer einschĂ€tzen als ich selber. Und doch glaube ich – und ich bitte, es mir nicht als Anmaßung auszulegen - , dass ich mit der zufĂ€lligen und privaten Geschichte meiner zufĂ€lligen und privaten Person ein wichtiges, unerzĂ€hltes StĂŒck deutscher und europĂ€ischer Geschichte erzĂ€hle – wichtiger und fĂŒr alles ZukĂŒnftige bedeutsamer, als wenn ich erzĂ€hlte, wer den Reichstag angesteckt hat und was zwischen Hitler und Röhm nun wirklich gesprochen worden ist.“

Das ist fĂŒr mich die Kernaussage der Erinnerungen des Publizisten Sebastian Haffner (1907-1999), den man ohne Übertreibung zu den Großen auf seinem Gebiet zĂ€hlen muss und der hier auf eine ganz eigene Art deutsche Geschichte erzĂ€hlt. Es ist der Blick auf der Augenhöhe des Lesers, der einen sofort fesselt. Hier werden nicht Memoiren von einer bekannten Persönlichkeit vorgetragen, hier werden auch nicht Fakten der Geschichte mit ein wenig Biographie drapiert, sondern hier erzĂ€hlt einer von seinen Erlebnissen, seinen Gedanken, seinen GefĂŒhlen, der auch ich sein könnte, wenn ich zu dieser Zeit bereits bewusst gelebt hĂ€tte. Es gibt keine der bekannten Klischees, die sich fĂŒr die Darstellung dieser Zeit eingebĂŒrgert haben, sondern eine frische, unbekannte Sichtweise, durch die einem nicht nur jene ereignisreichen Jahre verstĂ€ndlicher werden, sondern die einen auch zu ganz neuen Einsichten fĂŒhren. Das gilt sowohl fĂŒr die Zeit des Weltkrieges 1914 bis 1918 als auch fĂŒr die Weimarer „Zwischenzeit“ und vor allem auch fĂŒr die ersten Jahre der faschistischen Herrschaft in Deutschland.

Das Manuskript ist 1939 entstanden und unvollendet geblieben. Erst nach dem Tode Haffners wurde es gefunden und veröffentlicht. Es besteht aus drei großen Teilen, die mit „Prolog“, „Die Revolution“ und „Abschied“ ĂŒberschrieben sind. Im „Prolog“ wird die Erlebnis- und GefĂŒhlswelt des kleinen Sebastian beschrieben: wie er mit dem Großereignis dieser Zeit, dem Weltkrieg, als Sieben- bis ElfjĂ€hriger umging. FĂŒr ihn war das ein faszinierendes Spiel mit Zahlen von Gefangenen und Toten, mit GelĂ€ndegewinnen, versenkten Schiffen und Ă€hnlichem mehr: „Es war ein dunkles, geheimnisvolles Spiel, von einem nie endenden, lasterhaften Reiz, der alles auslöschte, das wirkliche Leben nichtig machte, narkotisierend wie Roulette oder Opiumrauchen.“ In der Art, wie der deutsche Schuljunge den Ersten Weltkrieg erlebte und verarbeitete, sieht Haffner eine Wurzel fĂŒr die Massenbasis der Nazis: „Die eigentliche Generation des Nazismus... sind die in der Dekade 1900 bis 1910 Geborenen, die den Krieg, ganz ungestört von seiner TatsĂ€chlichkeit, als großes Spiel erlebt haben.“ Dagegen blieben die Revolution von 1918 und die ihr folgende Zeit in ihren EindrĂŒcken auf den heranwachsenden Haffner geradezu schwĂ€chlich. Aufschlussreich sind allerdings die Schilderungen, wie die Familie eines hohen Beamten wĂ€hrend der Inflation zu leben gezwungen war. Und als einzige echte Friedenszeit in der Erlebniswelt seiner Generation erschienen die Jahre zwischen 1924 und 1929.

Als Hitler an die Macht kam, war Haffner 25 Jahre und bereitete sich auf Wunsch seines Vaters auf eine juristische Laufbahn vor, schrieb aber bereits kleine BeitrĂ€ge fĂŒr Zeitungen und war ĂŒberhaupt der Literatur mehr zugewandt als dem öffentlichen Leben.  In den  Abschnitten  „Die Revolution“ und „Abschied“ stehen die Erfahrungen im Mittelpunkt, die Haffner in seinem ganz privaten Umfeld sammelte, die EindrĂŒcke eines NS-Ausbildungslagers fĂŒr angehende Juristen und die Gedanken und GefĂŒhle, die sich dabei ergaben. Man erlebt den Zerfall eines Freundeskreises mit, in dem sich Nazigegner und NazianhĂ€nger ganz allmĂ€hlich herausbildeten. Man wird mit dem Verlust der jĂŒdischen Freunde konfrontiert, die Deutschland verlassen, mit deren Ängste und mit dem GefĂŒhl des Ekels, das Haffner immer stĂ€rker packt. Die bittere Erfahrung wĂ€hrend des Aufenthalts in einem Ausbildungslager, wie leicht man eine Gruppe gebildeter individueller Persönlichkeiten zu einer „Kameradschaft“ umbilden kann, ließ ihn erkennen, wie der Nationalsozialismus fĂŒr viele zu einer Menschenfalle wurde. Die zuerst vage Vorstellung von einer Ausreise aus Deutschland verdichtet sich zu einem immer klareren Plan. Und damit bricht das Buch ab.

Man kennt die weitere Lebensgeschichte des Sebastian Haffner: Seine Emigrationszeit in England, die RĂŒckkehr als Journalist in das Deutschland der Nachkriegszeit, seine erfolgreiche Karriere als Publizist. Aber eines wird deutlich: die intellektuelle Sichtweise, die man hier bei dem jungen Haffner findet, sie hat sich bis in seine spĂ€ten Arbeiten „Preußen ohne Legende“ oder „Anmerkungen zu Hitler“ erhalten.

EF