Christoph Eykman

Der Intellektuelle in der westeurop„ischen und amerikanischen Romanliteratur 1945

Marburg 1992

Der Autor ist klug genug, dieses gewaltige Thema einleitend einzugrenzen: Es geht ihm nicht darum, zu analysieren, was die von ihm dargestellten Romanfiguren denken, woraus man – so Eykman – leicht eine Kulturgeschichte der Zeit nach 1945 h„tte schreiben k”nnen. Er stellt sich vielmehr prim„r die Fragen, welchen Intellektuellentypus diese Romanfiguren verk”rpern und wie man diese Typen psychologisch, soziologisch oder politisch bestimmen kann. Es geht als um "eine Typologie des Intellektuellen in gleichsam synchroner Schau, aber durchaus im jeweiligen nationalgeschichtlichen Kontext.“ (S. XI)

Bei seiner Suche in Romanen aus Deutschland, Frankreich, England und den USA st”át der Autor dabei auf Typen wie den "Knstler-Intellektuellen“ und den "falschen Intellektuellen“, den "pathologischen“ und den "unpolitischen“ Intellektuellen, den "politischen Intellektuellen als Liberalen“ und den "Linksintellektuellen“. Dabei wird der Intellektuelle als problematische Pers”nlichkeit interpretiert, die h„ufig zwischen Resignation und Willen zur Kritik und Ver„nderung schwankt, die aber unentbehrlich sei "als erkenntnisf”rdernde und kl„rende Kraft der politischen Geschichte wie der Kulturgeschichte im engeren Sinne.“ (S.XIII)

Eykman schlieát sich einer, wenn auch recht groben, Typologie von Kulturintelligenz auf der einen und einer administrativ-technologischen Experten- bzw. Funktion„rsintelligenz auf der anderen Seite an. Und auch die Unterscheidung von Ralf Dahrendorf (Gesellschaft und Demokratie in Deutschland, Mnchen 1965) zwischen dem klassischen, romantischen, tragischen und kritischen Typ des Intellektuellen nutz er fr sein eigenes Herangehen. Allerdings schr„nkt er die Objektivit„t der Bewertung ein: "Wie man Einstellung und Verhalten der Intellektuellen beurteilt, h„ngt zum einen davon ab, ob man sich selbst zu ihnen z„hlt oder nicht, zum anderen davon, in welchem politischen Lager man steht.“ (S. 10)

Das Spektrum der behandelten Romane ist erstaunlich breit und umfasst den Zeitraum von 1946 (Ernst Wiechert, Der Totenwald) bis 1988 (Rainald Goetz, Kontrolliert). Die Vielfalt der Autoren aus den verschiedenen L„ndern wird mit ihren Romangestalten als Belege dafr angefhrt, dass die vom Autor gew„hlten typologischen Bezeichnungen zumindest fr literarische Gestalten ihre Berechtigung haben. Um das von ihm entworfene Spektrum verschiedener Intellektuellentypen zu untermauern, skizziert Eykman gegen Ende seiner Untersuchung noch den Intellektuellen im westeurop„ischen Roman vor 1945 und setzt als Schlusspunkt unter dem Aspekt "Wirklichkeit und Fiktion“ einige Intellektuellenbiographien aus der Zeit vor und nach 1945. Dabei gelangt er, was die Intellektuellen in beiden deutschen Staaten nach 1945 betrifft, zu der Feststellung, dass es bei ihnen einige gemeinsame Grundeigenschaften gegeben habe. Dazu rechnet er das moralische Urteilskriterium in Gestalt des Gewissens, eine gewisse "paradoxe Doppelb”digkeit“, n„mlich einerseits das Bewusstsein der Ohnmacht des Intellektuellen und andererseits den Glauben an die Wirkkraft des Wortes und der Idee. Schlieálich forderten die deutschen Intellektuellen in Ost wie West bereinstimmend die Umsetzung von Geist in Tat.

In der abschlieáenden Zusammenfassung wird darauf verwiesen, dass man Rolle und Nutzen des Intellektuellen nicht nach seiner direkten politischen Wirksamkeit bemessen drfe: " Als Denkender und Schreibender, als Žsthet, Knstler, Kritiker, in Fiktion wie Realit„t, ist es seine Mission, der Gesellschaft ein 'reflektiertes’ Bild ihrer selbst vorzuhalten und das kritische Bewusstsein ihrer Mitglieder zu formen und zu sch„rfen.“ (S. 340)

E. Fromm