Intellektuelle unter Daueranklage

Wer sich mit dem Thema des Intellektuellen beschĂ€ftigt, befindet sich sofort im Streit. Ob es um die unterschiedlichen Definitionsversuche geht oder um die historische Einordnung, um den soziologischen Standort oder die nationalen Unterschiede, ob es um BefĂŒrworter oder Gegner geht, stets stĂ¶ĂŸt man auf ein starkes FĂŒr und ein ebenso starkes Wider. Das war von Anfang an so, als dieser Begriff im europĂ€ischen Denken auftauchte – und es ist bis heute so geblieben.
Es gibt wissenschaftliche Themen, die sich ĂŒber Jahrzehnte, ja ĂŒber Jahrhunderte langsam aufbauen, angereichert und ergĂ€nzt werden, auf den PrĂŒfstand geraten, an Umfang und Aussagekraft Schritt fĂŒr Schritt zunehmen, so dass man von einer Art gesundem Wachstum sprechen kann. Das Problem der Intellektuellen gehört nicht dazu. Es wurde im Streit geboren und lebt im Streit und durch den Streit.
Das gilt besonders ausgeprĂ€gt fĂŒr Deutschland, wo der Intellektuelle von Anfang an keinen guten Stand hatte, wo Kritik und Ablehnung das Feld beherrschten, so dass man sogar von einer „Geschichte eines Schimpfwortes“ sprechen kann.1) Diese Besonderheit hat sicher viele und unterschiedliche Ursachen, fest steht jedoch, dass mit dem historischen Eintritt des Intellektuellen seit der europĂ€ischen AufklĂ€rung der deutsche Intellektuelle stĂ€ndigen Angriffen – politischen wie theoretischen – ausgesetzt war. Von einer Hochachtung vor dem Intellektuellen – wie wir sie in anderen LĂ€ndern finden – kann keine Rede sein, eher von einer weit verbreiteten Nichtachtung. Wie die Guttenberg-AffĂ€re zeigte, wird in weiten Kreisen der Bevölkerung eine intellektuelle Leistung weit weniger anerkannt als das politische Engagement.
Auch in der wissenschaftlichen und publizistischen Behandlung des Intellektuellen treten diese Tendenzen deutlich hervor. In der modernen Literatur werden Themen wie das Versagen oder der Verrat der Intellektuellen immer wieder thematisiert. Das Stichwort vom Verrat der Intellektuellen formulierte vor vielen Jahren der französische Theoretiker Julien Benda (1867 – 1956) in seinem Buch „La trahison des clercs“ (1927). Unter dem Titel „Der Verrat der Intellektuellen“ mit einer Einleitung zur Neuausgabe von 1946 ist diese Arbeit auch in Deutschland erschienen. FĂŒr Benda besteht die Aufgabe des Intellektuellen darin, die IdealitĂ€t der menschlichen MoralitĂ€t zu verkĂŒnden und Widerstand zu leisten gegen jene KrĂ€fte, die im Menschen nur dessen materielle BedĂŒrfnisse und deren Befriedigung sehen. Die zu verkĂŒndenden und verteidigenden wichtigsten Werte des Intellektuellen sind demnach Gerechtigkeit, Wahrheit und Vernunft. Der Intellektuelle verrĂ€t seine ureigenste Aufgabe, wenn er sich auf den Schauplatz der Politik begibt und mit seiner AktivitĂ€t dazu beitrĂ€gt,
einer realitĂ€tsverbundenen Klassen-, Rassen- oder Nationalleidenschaft zum Triumph zu verhelfen.“ (2)
Bereits einige Jahre frĂŒher als Benda kam der spanische Philosoph JosĂ© Ortega y Gasset (1883-1955) zu einer Ă€hnlichen EinschĂ€tzung, als er schrieb: „Wir hĂ€tten im heutigen Zeitpunkt schon viel mehr erreicht, wenn nicht in den letzten Jahren, vor allem in der Zeit des Krieges, viele Intellektuelle ihre IntellektualitĂ€t verzerrt hĂ€tten, indem sie sie in den Dienst politischer Absichten stellten…. Es ist merkwĂŒrdig zu beobachten, wie die europĂ€ischen Intellektuellen in ebendem Maße erledigt wurden, in dem sie sich mobilisieren ließen.“3)
In der jĂŒngeren Vergangenheit und vor allem in der Gegenwart wird mit dem Reizwort vom Verrat der Intellektuellen eine ganz andere Position bezogen. Bereits in den siebziger Jahren trug einer der bekanntesten Soziologen der Bundesrepublik, Helmut Schelsky (1912-1984), einen regelrechten Generalangriff gegen die deutschen Intellektuellen vor. Er sprach von einem Herrschaftskampf der Intellektuellen als „Sinn- und Heilsvermittler“ und warnte vor der Entstehung einer neuen Heilsreligion. Nicht von ungefĂ€hr lautet der Untertitel seines Buches „Klassenkampf und Priesterherrschaft der Intellektuellen“ 4). Seit den neunziger Jahren, vor allem im Zusammenhang mit den gesellschaftlichen UmbrĂŒchen in Osteuropa und der DDR, gewinnen die Attacken auf die Intellektuellen eine neue Dimension. Da ist immer hĂ€ufiger vom Verrat der Intellektuellen oder noch Ärgerem die Rede 5). Thomas Hecken nennt seine Arbeit „Das Versagen der Intellektuellen“ (2010) und unternimmt darin eine „Verteidigung des Konsums gegen seine VerĂ€chter“. Ulrike Ackermann spricht in ihrer Untersuchung vom „SĂŒndenfall der Intellektuellen“ (2000). Und so könnte man weitere Titel aufzĂ€hlen, denen allen gemeinsam ist, dass sie massive VorwĂŒrfe gegen die deutschen Intellektuellen erheben. AuffĂ€llig ist dabei, dass kaum eine klare Begriffsbestimmung des Intellektuellen zugrunde gelegt wird, sondern dass eine recht pauschale Zusammenfassung verschiedener Personengruppen vorherrscht. Bei Paul Noack, fĂŒr den das Phantombild des Intellektuellen einen Begriff darstellt, „der mit fast beliebiger Definitionsmasse zu fĂŒllen ist“, gehören die Intellektuellen zu jenem Teil der Intelligenz, „der sich unter Berufung auf allgemeine Prinzipien mit seiner Kritik bewusst und kontinuierlich dem bestehenden gesellschaftlichen und politischen Zustand widmet.“ 6). Er verlangt, dass der deutsche Intellektuelle aus dem Abseits, in das er sich selbst gestellt habe, heraustritt und mit Sachlogik und Sachkenntnis Einfluss auf die Wirklichkeit nimmt, weil die Zeit der moralischen Appelle vorbei sei. In eben diese Richtung gehen die meisten Vorbehalte der verschiedenen Autoren. Ulrike Ackermann, die die Haltungen der französischen und deutschen Intellektuellen zwischen 1945 und 2000 untersucht hat, erhebt gegenĂŒber den deutschen Intellektuellen folgenden Vorwurf: „Die einseitige Kapitalismuskritik auf westlicher Seite, gepaart mit jenem spezifischen ‚Anti-Anti-Kommunismus’ produzierte gleichsam diesen blinden Fleck in der Wahrnehmung der Sowjetunion und ihrer Satellitenstaaten. Er machte große Teile der linksliberalen Intelligenz bis in die achtziger Jahre hinein unfĂ€hig, ihre antifaschistische Haltung mit einer umfassenden Verteidigung der Menschenrechte zu verbinden, fĂŒr demokratische Rechte und Freiheiten und gegen jegliche totalitĂ€re Herrschaft einzutreten.“ 7)
Immer wieder wird auch darauf verwiesen, dass sich die Intellektuellen heute zu sehr nur mit sich selbst beschĂ€ftigen. „Nachzudenken ist die Aufgabe des Intellektuellen – ĂŒber sich selbst ins GrĂŒbeln zu geraten, ist seine konstante Bedrohung,“ heißt es bei Wolf Lepenies in dem Sammelband „IntellektuellendĂ€mmerung?“ 8) Der Titel dieses Buches ist ein Verweis auf die berĂŒhmte Feststellung Hegels: „Wenn die Philosophie ihr Grau in Grau malt, dann ist eine Gestalt des Lebens alt geworden, und mit Grau in Grau lĂ€sst sie sich nicht verjĂŒngen, sondern nur erkennen; die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden DĂ€mmerung ihren Flug.“9). Und genau in diesem Sinne wird die These verkĂŒndet, dass man mit dem „Auslaufen“ des Modells Intellektueller rechnen mĂŒsse. Bei Henning Ritter schließlich nimmt der Gedanke Gestalt an, „die Intellektuellen könnten nur eine Episode gewesen sein.“ 10) Eben dies bestĂ€tigt Joschka Fischer, der – nur wenig eingeschrĂ€nkt - meint, „dass wir eher vom Ende des europĂ€ischen Linksintellektuellen zu sprechen haben.“11)
FĂŒr den deutschen Intellektuellen, so kann man abschließend feststellen, war es nie leicht. Nimmt man seine Geschichte seit dem Ausgang des 19. Jahrhunderts, so hatte er es mit vielfĂ€ltigen gesellschaftlichen UmbrĂŒchen zu tun, die meist zu starken praktischen und theoretischen Turbulenzen fĂŒhrten. Dabei seiner eigentlichen Aufgabe immer gerecht zu werden, konnte wohl in vielen FĂ€llen nicht gelingen. Ob ihm aber die stete heftige Kritik oder sogar Ablehnung motiviert hat, seine Position zu finden und zu behaupten, bleibt fraglich.
E. Fromm


1) Vgl. Dietz Bering: Die Intellektuellen. Geschichte eines Schimpfwortes. Stuttgart 1978
2) Julien Benda: Der Verrat der Intellektuellen. (La trahison des clercs), Frankfurt 1983, S. 116
3) JosĂ© Ortega y Gasset: Imperativ der IntellektualitĂ€t (1922). In: Gesammelte Werke, Bd. V, Augsburg 1996, S. 210
4) Helmut Schelsky: Die Arbeit tun die anderen
Klassenkampf und Priesterherrschaft der Intellektuellen
Opladen 1975
5) Vgl. Denken im Zwiespalt: Über den Verrat der Intellektuellen im 20. Jahrhundert (1996); Stephan Reinhardt, Verrat der Intellektuellen (2008); Frantisek Lipostad/Eduard Schreiber: Tristan oder der Verrat der Intellektuellen (2010); Roland Baader: Totgedacht: Warum Intellektuelle unsere Welt zerstören (2002).
6) Paul Noack: Deutschland, deine Intellektuellen. Die Kunst, sich ins Abseits zu stellen,
Bonn 1991, S. 19
7) Ulrike Ackermann: SĂŒndenfall der Intellektuellen. Ein deutsch-französischer Streit von 1945 bis heute, Stuttgart 2000, S. 178.
8) IntellektuellendÀmmerung? BeitrÀge zur neuesten Zeit des Geistes. Hg. Martin Meyer,
MĂŒnchen-Wien 1992, S. 20
9) Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Grundlinien der Philosophie des Rechts oder Naturrecht und Staatswissenschaft im Grundrisse, Berlin 1981, S. 28.
10) IntellektuellendÀmmerung?, a.a.O., S. 251.
11) Joschka Fischer: Was haben sie verraten, die Renegaten? In. Denken im Zwiespalt, Frankfurt/M 1996, S.82.
 

Lion Feuchtwanger und seine Intellektuellen

Zum 50. Todestag des Schriftstellers am 21.12.1958

Wer sich heute an Lion Feuchtwanger erinnert, stammt aus dem Osten Deutschlands und ist Ă€lter als vierzig Jahre. Diese auf den ersten Blick wohl seltsam klingende Feststellung erklĂ€rt sich aus der Art und Weise des Umgangs mit Feuchtwanger im gespaltenen Deutschland. In der Ostzone und der DDR erschienen seine BĂŒcher in hohen Auflagen, wurden begeistert gelesen, diskutiert und mit „Goya“ erfolgreich unter der Regie von Konrad Wolf verfilmt. In den Westzonen und der Bundesrepublik blieb er weitgehend unbekannt, fand auch ĂŒber lange Zeit in der Literaturkritik wenig Beachtung. Heute hat sich diese Haltung ĂŒberall durchgesetzt. Fragt man das jĂŒngere Lesepublikum nach Feuchtwanger, dann stĂ¶ĂŸt man selten auf positives Wissen.

Dabei war der Schriftsteller vor 1933 ein nicht nur in Deutschland, sondern in der Welt bekannter und viel gelesener Autor. Eines seiner ersten BĂŒcher, der „Jud SĂŒĂŸ“, wurde – nach heutigen MaßstĂ€ben – ein Bestseller, in viele Sprachen ĂŒbersetzt. Dass er nach 1945 in Deutschland so unterschiedlich behandelt wurde, hatte natĂŒrlich Ursachen, wobei der wohl bedeutendste Grund in der politischen Grundhaltung Feuchtwangers lag, die in Zeiten des Kalten Krieges und der Spaltung der Welt in zwei sich feindlich gegenĂŒberstehenden Lagern zu eindeutig in eine Richtung wies. „Ich habe Weltgeschichte nie anders ansehen können denn als einen großen, fortdauernden Kampf, den eine vernĂŒnftige MinoritĂ€t gegen die MajoritĂ€t der Dummen fĂŒhrt. Ich habe mich in diesem Kampf auf die Seite der Vernunft gestellt, und aus diesem Grund sympathisiere ich von vornherein mit dem gigantischen Versuch, den man von Moskau aus unternommen hat.“ Das schrieb er in seinem Reisebericht „Moskau 1937“, und dieser Auffassung ist er – bei allen spĂ€teren Nuancierungen – immer treu geblieben.

Feuchtwanger war durchaus keine KĂ€mpfernatur. „Ich bin kein aktiver Mensch, GeschĂ€ftigkeit, Betriebsamkeit, ohne die doch nun einmal Politik nicht zu denken ist, widert mich an. Was mir Freude macht, ist Betrachtung, Darstellung“, schrieb er in „Der Teufel in Frankreich“. Und wie eine Lebensmaxime wiederholte er immer wieder ein Wort von Goethe: „Der Handelnde ist immer gewissenlos, Gewissen hat nur der der Betrachtende.“ Trotz eines oft abenteuerlichen Lebens war er daher auch stets darum bemĂŒht, Ruhe in die AblĂ€ufe zu bringen. Am 7. Juli 1884 in MĂŒnchen in einer jĂŒdischen Unternehmer-Familie geboren, studierte er in MĂŒnchen und Berlin, ĂŒbersiedelte 1925 nach Berlin, wurde 1933 in die Emigration getrieben, zuerst nach Frankreich, dann in die USA, wo er am 21. Dezember 1958 starb. In einer 1935 veröffentlichen kurzen autobiografischen Darstellung, die mit viel Sarkasmus geschrieben wurde, heißt es: „Der Schriftsteller L. F. war in der BlĂŒtezeit seines Lebens 1,65 Meter lang und wog 61 Kilo… Deutschland zĂ€hlte, als der Schriftsteller L. F. in diesem Reich blĂŒhte, 63 284 617 sogenannte Seelen… Amtlich eingetragene Idioten und Vollkretins gab es in Deutschland 36 461. Der Schriftsteller L. F. hatte das Pech, mit einem großen Teil von ihnen zu tun zu haben. 3 von ihnen sind ĂŒbrigens jetzt hohe amtliche FunktionĂ€re des Reichs… Da der Schriftsteller L. F. erklĂ€rt hatte, unter den 154 000 Worten, die Hitlers Buch ‚Mein Kampf’ enthĂ€lt, befĂ€nden sich 164 000 VerstĂ¶ĂŸe gegen die deutsche Grammatik oder die deutsche Stillehre, wurden seine eigenen BĂŒcher geĂ€chtet…“ Und nicht nur das. Sein Haus in Berlin-Grunewald, sein Vermögen wurden konfisziert, sein Doktortitel wurde ihm aberkannt, und schließlich wurde ihm noch 1933 die deutsche StaatsbĂŒrgerschaft aberkannt.

Feuchtwanger begann frĂŒh zu schreiben: TheaterstĂŒcke, Gedichte, Romane. Aber erst mit der Veröffentlichung des historischen Romans „Jud SĂŒĂŸ“ kam der Durchbruch. In der Folgezeit widmete der Schriftsteller sich immer intensiver diesem Genre, das damals als ĂŒberholt, als antiquiert galt. Es entstanden die Trilogie „Der JĂŒdische Krieg“ – „Die Söhne“ – „Der Tag wird kommen“, die historischen Romane „Narrenweisheit oder Tod und VerklĂ€rung des Jean-Jacques Rousseau“, „Waffen fĂŒr Amerika“, „Goya“, „Die JĂŒdin von Toledo“ und „Jefta und seine Tochter“. Aber auch mit seiner Zeit setzte sich Feuchtwanger auseinander. Die Wartesaal-Trilogie beschrieb in den Romanen „Erfolg“, „Die Geschwister Oppermann“ und „Exil“ die Zeitspanne zwischen Ende der 20er Jahre mit Mitte der dreißiger Jahre. Und war in „Erfolg“ (1930) die Figur Hitlers noch unter fremden Namen dargestellt, kam es in „Die BrĂŒder Lautensack“ (1941) zu einer der ersten direkten Darstellungen Hitlers in einem Roman. Und „Der falsche Nero“ (1936) war eine deutliche Anspielung auf die NazigrĂ¶ĂŸen.

Feuchtwanger hat sich in vielen theoretischen Arbeiten mit den Möglichkeiten des historischen Romans auseinander gesetzt. Dabei wurde auch seine weltanschauliche Grundhaltung deutlich, denn fĂŒr ihn war das Historische nichts anderes als das Distanzierungsmittel, um so „sein eigenes LebensgefĂŒhl, seine eigene Zeit, sein Weltbild möglichst treu wiederzugeben.“. Dieses Weltbild wurde durch die Ansicht bestimmt, dass „die Welt von geistiger Art“ sei, an der man nicht rĂŒhren dĂŒrfe. „Die Welt erobern wollen durch Handeln misslingt.“ Davon ausgehend, findet man einerseits pessimistische Feststellungen wie „In meinem tiefsten Innern aber weiß ich, dass ich nicht das Geringste weiß von den Ursachen des barbarischen Wirrwarrs, in welchem wir alle uns drehen…“; andererseits aber auch die optimistische Anerkennung eines „unsichtbaren Lenkers der Geschichte“, der, „im achtzehnten Jahrhundert entdeckt, im neunzehnten Jahrhundert deutlich erkannt, beschriebene und gepriesen wurde, um dann im zwanzigsten Jahrhundert bitter verleugnet und verleumdet zu werden: der Fortschritt.“ 

Von diesen Positionen aus bestimmt Feuchtwanger den historischen Roman als die „stĂ€rkste Vermittlung der Geschichtlichkeit“, weil in ihm die „unverĂ€nderten und unverĂ€nderlichen“ Bewegungsgesetzte der Gesellschaft in ihren Auswirkungen gestaltet werden. Der Autor, der einen ernsthaften historischen Roman schreibt, will also letztlich die Gegenwart darstellen: Er sucht in der Geschichte nicht die Asche, er sucht das Feuer. Er will sich und den Leser zwingen, die Gegenwart deutlicher zu sehen, indem er sich distanziert.“ Daher wird die Darstellung entscheidend von der „geistigen Beschaffenheit des Betrachters“, des Autors, von der „Erlebniskraft des Erlebenden“ bestimmt. „Ja, ich bin steif und fest ĂŒberzeugt, dass es bei der Wiedergabe eines Erlebnisses auf die Person des Erlebenden nicht weniger ankommt, sondern mehr als auf das Erlebte.“ Und in der unvollendet gebliebenen Schrift „Das Haus der Desdemona oder GrĂ¶ĂŸe und Grenzen der historischen Dichtung“ heißt es mit sehr viel Nachdruck: „Ich bin mittlerweile durch viel GlĂŒck und UnglĂŒck gegangen, ich habe große Erfolge gehabt und schwere Niederlagen, ich habe die Verfolgungen der Hitlerzeit erlebt, Exil, Verbrennung und Ächtung meiner BĂŒcher in manchen LĂ€ndern, einen zweiten Krieg, Konzentrationslager und abenteuerliche Flucht, Schikanen der BĂŒrokratie, und nun mache ich mich von neuem an eine Analyse des historischen Romans. Wir erklĂ€rten gestern, die Triebkraft jeglicher historischen Dichtung ist das Erlebnis des Autors, wir erklĂ€ren es heute noch lauter und bestimmter.“ 

Genau diese Haltung spĂŒrt man in allen Romanen Feuchtwangers. Es ist seine „geistige Beschaffenheit“, seine „Erlebniskraft“, mit denen in der historischen Distanzierung um eine Darstellung und Ausdeutung des GegenwĂ€rtigen gerungen wird. Wenn er von sich selbst bekennt „Ich bin kein aktiver Mensch, GeschĂ€ftigkeit, Betriebsamkeit, ohne die doch nun einmal Politik nicht zu denken ist, widert mich an. Was mir Freude macht, ist Betrachtung, Darstellung“, dann widerspiegelt sich dieses Bekenntnis in der Wahl seiner Helden. Es sind in der ĂŒberwiegenden Mehrzahl geistig Schaffende, die groß sind in der Betrachtung der Welt und schwĂ€chlich in ihrer aktiven Einflussnahme auf die Welt. Und damit sind wir bei Feuchtwangers Intellektuellen.

Es gibt nirgendwo bei Feuchtwanger eine Definition dieses Menschentyps und doch benutzt er ihn immer wieder zur Charakterisierung von Persönlichkeiten aber auch zur Wertung von Haltungen und Stimmungen. Ganz allgemein sieht Feuchtwanger den Intellektuellen im Wissenschaftler, KĂŒnstler, Theologen, wenn er denn neben seinem geistigen Schaffen gesellschaftlich aktiv wird. Es ist „die AufgewĂŒhltheit des Intellektuellen, der handeln soll und aus tiefen Skrupeln immer wieder vor der Tat zurĂŒckschreckt“, die das Interesse Feuchtwangers findet. In der Trilogie ĂŒber Flavius Josephus fĂ€llt der Begriff zwar erst im dritten Band „Der Tag wird kommen“, wenn der römische Kriegsminister von Flavius Josephus als einem „widerwĂ€rtigen jĂŒdischen Intellektuellen“ denkt und ihn als einen â€žMĂ€zen lauter versnobter Intellektueller, lauter Oppositioneller natĂŒrlich.“ nennt, aber das Problem des Intellektuellen in Gestalt des Flavius Josephus und seines geistigen Gegenspielers Justus von Tiberias spielt in allen drei Romanen durchgĂ€ngig eine zentrale Rolle. „Wer die Macht vergibt… ist grĂ¶ĂŸer, als wer die Macht hat. Wer den König macht, ist grĂ¶ĂŸer als der König… Aber scheint nicht auch Ihnen die Macht, die aus dem Hintergrund lenkt, feiner, geistiger, reizvoller als die Macht, die sich vor aller Welt spreizt?“, heißt es da in einem Disput zwischen den beiden. Sie unterscheiden zwischen dem Tatmenschen, also dem Politiker, und dem Schriftsteller, dessen Wahrheit sie fĂŒr „reiner“ ansehen als die des Politikers. Und Flavius Josephus versteht sich wie seine VĂ€ter, die „Gelehrte, Priester, Schriftsteller, Intellektuelle“ waren, als ein Mensch, der „sich dafĂŒr entschieden hatte, nur das Kontemplative seines Wesens ausreifen zu lassen“ und „den so oft gespĂŒrten Willen zur Tat in sich selber gewaltsam unterdrĂŒckt hatte“. Mit Bedacht hatte er die oft von ihm verlangte

Aktion, Betrieb, GeschĂ€ftigkeit vermieden. „Er aber, der Josef, war stark nur in der Betrachtung, sein Amt war es, die Geschichte seines Volkes vor sich hinzustellen und ihr Sinn zu geben; sowie er indes selber handelnd eingriff, war ein StĂŒmper und Pfuscher.“ In der intensiven Diskussion um diesen Standpunkt lĂ€sst Feuchtwanger zwei entgegen gesetzte Meinungen nicht nur zu Wort kommen, er lĂ€sst sie auch gelten. Da ist einmal die Position, dass es Zeiten gibt, die den Helden, den Tatmenschen erfordern, aber auch Zeiten, wo man vor allem vernĂŒnftige Menschen benötige. â€žFĂŒr die Zeiten der GrĂŒndung des Reichs, fĂŒr die Zeiten der Republik, waren Helden notwendig gewesen, fĂŒr diese Jahrhunderte, fĂŒr das Kaiserreich, bedurfte man vernĂŒnftiger MĂ€nner. GrĂŒnden können hatte man das Reich nur durch Heldentum. Gehalten werden konnte es nur durch Vernunft.“ Die zweite Position zeigt sich in dem scharfen Vorwurf des revolutionĂ€ren Akawia gegenĂŒber Flavius Josephus, dass er zwar durchaus wisse, was der Tag erfordere, jedoch die Augen davor schließe: „Sie flĂŒchten vor der Schwierigkeit des Erreichbaren in den bequemen Traum des nie erreichbaren Ideals. Sie verraten das heute und Morgen um einer nebelhaften Zukunft willen. Sie verraten den Messias von Fleisch und Blut, der vielleicht schon unter uns herumgeht, um eines verblasenen, geistigen Messias willen.“

Auch in der „JĂŒdin von Toledo“ spielt die Auseinandersetzung zwischen der vita activa und der vita contemplativa eine wichtige Rolle. Der tolerante muslimische Gelehrte Musa Ibn Da’du, der die stoische Ansicht vertritt, dass er nicht die Hand ist, die den WĂŒrfel wirft, sondern der WĂŒrfel, meint mit Gelassenheit: „Vie Nutzen … bringt es wohl nicht, die Zweideutigkeit der Geschehnisse und ihren innern Widerspruch zu erkennen. Aber mir wĂ€rmt nun einmal Erkenntnis das Herz.“ Und von seinem Freund, dem Juden Jehuda, lĂ€sst er sich bestĂ€tigen: „Ja, der Weise muss gleichmĂŒtig sein in jeder Lebenslage und sich eher totschlagen lassen, als dass er selber dreinschlĂŒge.“

Die WidersprĂŒchlichkeit, wie Feuchtwanger sie im Typ des Intellektuellen sieht, wird auch in „Narrenweisheit oder Tod und VerklĂ€rung des Jean-Jacques Rousseau“ dargestellt. Der begeisterte AnhĂ€nger Rousseaus, der junge Fernand Girardin, sinniert: „Stillhocken und lesen und meditieren ĂŒber Welt und Leben und ĂŒber die eigene Seele, das genĂŒgte nicht. Niemand hatte es darin weitergebracht als Jean-Jacques, niemand hatte eine so umfassende Schau getan auf die Welt und ihre ZusammenhĂ€nge und einen so tiefen Blick in das eigene Herz: aber die RealitĂ€t, die ihn umgab, hatte er nicht gesehen. Er hatte fliegen können, gehen hatte er nicht können.“ Gleichzeitig sieht er aber auch die große verĂ€ndernde Wirkung Rousseaus auf die Wirklichkeit. „Er war kein General gewesen und kein Staatsmann, er hatte keine siegreichen Schlachten geschlagen und keine großartigen VertrĂ€ge geschlossen, er war nur ein Schriftsteller gewesen, ein Philosoph, und sie wussten nicht recht, was das war, und kaum einer unter hundert hatte seine BĂŒcher gelesen. Aber ein paar Worte von ihm, ein paar SĂ€tze von ihm hatte man ihnen in die Ohren und ins Herz gerufen in der Stunde ihrer UnschlĂŒssigkeit, und es waren Worte, dass man marschieren und zuschlagen musste, wenn man sie hörte. Und sie waren marschiert, und sie hatten zugeschlagen. Und sie hatten gesiegt. Und folglich taugten die BĂŒcher dieses Toten mehr als die Kanonen der GenerĂ€le und die Federn der StaatsmĂ€nner.“

Einen sehr direkten Gebrauch der Typisierung des Intellektuellen finden wir in „Die FĂŒchse im Weinberg“, wo Beauchmarchais als Intellektueller charakterisiert wird und von den „vielen Pariser Intellektuellen“ gesprochen wird, die mit Amerika sympathisierten. Und der um AufklĂ€rung bemĂŒhte österreichische Kaiser Joseph gibt sich hier gern als Intellektueller aus, wodurch sie die französischen Gelehrten und Dichter geschmeichelt fĂŒhlten „dass selbst ein Kaiser es fĂŒr angebracht hielt, sich fĂŒr einen Intellektuellen und Freigeist zu erklĂ€ren.“

Schließlich wird in „Goya oder Der arge Weg der Erkenntnis“ der typische spanische Majo unter anderem durch sein Misstrauen und seinen „Hass auf den Intellektuellen“ gekennzeichnet, und Miguel BermĂșdez, ein geistiger Vertreter des Liberalismus, schĂ€tzt seine Situation voller Pessimismus ein, wenn er ĂŒber sich denkt: â€žEr hatte, ein verspĂ€teter, unbelehrbarer Humanist, ein Don Quijote, an die göttliche Macht der Vernunft geglaubt, an die Sendung der Geistigen, die Dummheit der Masse zu ĂŒberwinden. Was fĂŒr irrsinniger Hochmut! Die Vernunft blieb ewig wirkungslos, verdammt, in KĂ€lte zu leben und in dĂŒnner Einsamkeit.“ 

Feuchtwanger hat also keinerlei Vorbehalte, den Begriff des Intellektuellen in seinen historischen Romanen durch die Zeiten hindurch – von der römischen Kaiserzeit bis in die Jahre eines Benjamin Franklin – zu verwenden, obwohl er als Wortschöpfung doch erst viel spĂ€ter entstanden ist. Er benötigt ihn fĂŒr sich – unabhĂ€ngig von seiner Wortgeschichte - , weil es ihm in all diesen BĂŒchern ja nach eigenen Aussagen nicht um die Darstellung von wirklichen, sondern historischen Personen geht. Und unter diesen gab es – so die Auffassung des Autors – den Typ des Intellektuellen offensichtlich durch alle Zeiten hindurch.

Einen modernen Typ des Intellektuellen fĂŒhrt uns Feuchtwanger mit der Figur des Jacques TĂŒverlin in dem Roman „Erfolg. Drei Jahre Geschichte einer Provinz“ vor, wobei dieser TĂŒverlin deutlich autobiografische ZĂŒge trĂ€gt. Und so kann denn auch seine Grundansicht durchaus als die unseres Autors genommen werden: „Ein großer Mann,… den Sie nicht leiden können, ich ĂŒbrigens auch nicht, er heißt Karl Marx, meinte: die Philosophen haben die Welt erklĂ€rt, es kommt darauf an, sie zu Ă€ndern Ich fĂŒr meine Person glaube, das einzige Mittel, sie zu Ă€ndern, ist, sie zu erklĂ€ren. ErklĂ€rt man sie plausibel, so Ă€ndert man sie auf stille Art, durch fortwirkende Vernunft. Sie mit Gewalt zu Ă€ndern, versuchen nur diejenigen, die sie nicht plausibel erklĂ€ren können. Diese lauten Versuche halten nicht vor, ich glaube mehr an die leisen. Große Reiche vergehen, ein gutes Buch bleibt. Ich glaube an gutgeschriebenes Papier mehr als an Maschinengewehre.“ 

Im Roman „Die BrĂŒder Lautensack“ wird der Begriff des Intellektuellen ausschließlich negativ gebraucht, meist sogar wie ein Schimpfwort. Aus der Sicht der Nazis wird von der „Saublase von Intellektuellen“ gesprochen, von der „Intellektuellen-Clique“, und der kritische Schriftsteller Paul Cramer wird als ein Intellektueller angesehen, der „unschĂ€dlich wie ein ausgebranntes ZĂŒndholz“ sei, ĂŒber den man aber zugleich unzufrieden Ă€ußert als er sich nicht in den Selbstmord treiben lĂ€sst: „Mit diesen verdammten Intellektuellen kennt sich kein Gott und kein Teufel aus“. Und selbst von den Freunden Cramers, den Arbeitern, Gewerkschaftsleuten und politischen Organisatoren, wird gesagt, „sie ließen ihn nicht das Misstrauen spĂŒren, das sie vor Intellektuellen hatten.“

Eine lang anhaltende Auseinandersetzung um das Typische des Intellektuellen fĂŒhrt uns Feuchtwanger im Roman „Exil“ am Beispiel des „Helden“ dieses Buches, dem Komponisten Trautwein, vor. Im Disput zwischen Trautwein und seinem Sohn, der als Kommunist davon trĂ€umt, eine deutsche Wolga-Republik zu einem neuen Weimar zu machen, da doch „die Besten der deutschen Intellektuellen und KĂŒnstler aus dem Dritten Reich vertrieben“ worden sind, bezieht der Vater eine Haltung, die Feuchtwanger wohl als typisch fĂŒr den deutschen Intellektuellen ansieht. â€žEs ist leider ein Schmarrn, wenn man behauptet, Geist ohne Gewalt könne sich durchsetzen,“ gibt er zu. „Eine gerechte Ordnung auf der Welt lĂ€sst sich ohne Gewalt nicht herstellen. Diejenigen, die Interesse haben an der ungerechten Ordnung, geben nicht klein bei, wenn man sie nicht mit Gewalt dazu zwingt. Das hab ich mittlerweile begriffen… Ich habe begriffen, dass eure Grundprinzipien richtig sind: aber ich hab es eben nur begriffen, mein Hirn sieht es ein, aber mein GefĂŒhl geht nicht mit, mein Herz sagt nicht ja. Ich fĂŒhle mich nicht heimisch in deiner Welt, in der alles Vernunft und Mathematik ist. Ich möchte in ihr nicht leben. Mir scheint, es haben in ihr die Massen zuviel zu sagen und der einzelne zuwenig.“ In seinem Reisebericht „Moskau 1937“ bestĂ€tigt Feuchtwanger diese Ansicht auch außerhalb einer Romanhandlung, wenn er schreibt: „Viele Intellektuelle nĂ€mlich, selbst solche, welche die Ablösung des kapitalistischen Systems durch das sozialistische fĂŒr eine historische Notwendigkeit halten, haben Angst vor den Wirren der Übergangszeit. Sie sehnen ehrlich den Weltsieg des Sozialismus herbei, aber sie haben Sorge fĂŒr ihre eigene Zukunft wĂ€hrend der Zeit, da die große sozialistische UmwĂ€lzung sich vollzieht. Ihr Herz verneint, was ihr Hirn bejaht.“

 Der Komponist Sepp Trautwein engagiert sich geradezu aktivistisch fĂŒr die Freilassung eines von den Nazis aus der Schweiz entfĂŒhrten Journalisten. DarĂŒber gibt er sogar zeitweilig seine Berufung auf, eine große Sinfonie, die Wartesaal-Sinfonie zu komponieren. Die damit verbundenen dramatischen Konflikte, so der Tod seiner Frau, werden mit aller Deutlichkeit dargestellt. Die Lösung sieht Trautwein schließlich in der RĂŒckkehr zum Komponieren: â€žEr war sich klar geworden ĂŒber die Aufgabe, die ihm in dem Kampf gegen die Barbarisierung zugewiesen war. Er hatte jetzt seine Sinfonie zu schreiben und sonst nichts, und wenn es ihm gelingt, das, was er in seinem Innern hört, die andern hören zu machen, dann wird er sein Teil dazu beigetragen haben, die Barbaren zu bekĂ€mpfen.“

Feuchtwanger hat ganz offensichtlich ein ambivalentes VerhĂ€ltnis zu den Intellektuellen, zu denen er sich wohl selber zĂ€hlt, an deren Kraft bei der VerĂ€nderung der RealitĂ€t er aber nicht recht glauben kann. Mit grimmigem Spott zitiert er zum Beispiel aus einem deutschen Kalender der Nazizeit den Satz: „Nie kann ein Mann von deutschem Wesen ein Intellektueller sein.“ Zugleich teilt er mit einiger Genugtuung eine Beobachtung mit, die er wĂ€hrend seines Aufenthaltes in einem französischen Internierungslager gemacht hat: „Es gibt natĂŒrlich Ausnahmen, doch im allgemeinen ertrugen die Intellektuellen die Strapazen gefasst und geduldig. Sie erwiesen sich als zĂ€her, stiller, geduldiger als viele, die krĂ€ftiger waren und körperlich mehr geĂŒbt.“

In den Romanen Lion Feuchtwangers werden verschiedene Themen der zeitgenössischen RealitĂ€t aufgegriffen. Unter ihnen nimmt die Haltung des Intellektuellen, seiner Wirkungsmöglichkeiten, seiner Verantwortung, seiner WidersprĂŒche, seiner StĂ€rken und SchwĂ€chen eine zentrale Stellung ein. Was wir bei ihm lesen können, ist die kritische Auseinandersetzung mit den Intellektuellen, ihrem Potential und dessen zumeist ungenĂŒgender Nutzung; es ist so auch immer die selbstkritische Auseinandersetzung des Autors mit seinem eigenen Tun.

E. Fromm

 

Spieglein, Spieglein an der Wand..... 

Auch fĂŒr 2007 hat die Zeitschrift „Cicero“ ihre Intellektuellenliste veröffentlich, in der 500 „fĂŒhrende deutschsprachige Intellektuelle“ enthalten sein sollen. Allerdings bleibt die Methode der Auswahl und Rangfolge eher problematisch, geht es doch allein um die „öffentliche Deutungsmacht“ und in keinem Falle um das messen der inhaltlichen QualitĂ€t – was nun aber gerade beim Intellektuellen das Besondere darstellt. Es wurden 160 deutschsprachige Zeitungen und Zeitschriften ausgewertet, dazu Zitationen im Internet und Querverweise des Munzinger-Referenzarchivs. 

Hier nun die ersten Zehn fĂŒr 2007                            2006                  2002
1. Joseph Ratzinger, Papst Benedikt XVI.          GĂŒnter Grass            Grass         2. Martin Walser, Schriftsteller                            Harald Schmidt          Habermas
3. GĂŒnter Grass, Schriftsteller                             Reich-Ranicki            Augstein
4. Harald Schmidt, Satiriker                             Martin Walser           Ratzinger
5. Marcel Reich-Ranicki, Literaturkritiker         Peter Handke            Handke

6. Peter Handke, Schriftsteller                             J. Habermas              Enzensberger
7. Elfriede Jelinek, Schriftstellerin                   Wolf Biermann            U. Beck
8. Elke Heidenreich, Publizistin                            Elfriede Jellinek      Christa Wolf
9. Alice Schwarzer, Journalistin                            Alice Schwarzer           Walser
10. JĂŒrgen Habermas, Philosoph                       Botho Strauß         Reich-Ranicki

* * * * * *

 

Treffende Worte

HANNA  ARENDT:

„Das spezifisch Empörend-WiderwĂ€rtige des Intellektuellen besteht darin, dass selbst seine schlechtesten Sachen noch besser sind als er selbst. Hier also tritt die Verkehrung eines menschlichen GrundverhĂ€ltnisses (von Werk und Schöpfer ef.) ... wirklich ein. Daher der weitverbreitete Hass auf  die Intellektuellen und der Ekel, den der Umgang mit ihnen unweigerlich auslöst.“

ZYGMUNT  BAUMANN:

"Jeder Versuch, Intellektuelle zu definieren, ist ein Versuch der Selbstdefinition; jeder Versuch, den Status eines Intellektuellen zu gewĂ€hren oder zu verweigern, ist ein Versuch der Selbstentwerfung. Definieren und ĂŒber Definitionen zu streiten sind das KernstĂŒck der Produktion und Reproduktion des intellektuellen Ich". 

JOHANNES  R. BECHER:

„Der Intellektuelle, der zum Proletariat kommt, muß den grĂ¶ĂŸten Teil dessen, was er seiner bĂŒrgerlichen Abstammung verdankt, verbrennen, bevor er in Reih und Glied mit der proletarischen Kampfarmee mitmarschieren kann. Es erscheint beinahe so, dass er alles verbrennen muß, was er frĂŒher verehrte, alles verehren muß, was er frĂŒher verbrannte. Er muß auf seine IndividualitĂ€t, auf seinen BildungsdĂŒnkel verzichten, er muß eine Unmenge falscher Theorien, falscher Vorstellungen aufgeben, die ihm seine Herkunft, seine Hochschule eingeprĂ€gt haben. (-) Er muß von vorne anfangen. (-) Es gibt keine Ausrede, kein Herumkriechen um die Probleme. Gefordert wird: Unbedingtheit. (-) Der Intellektuelle zieht durch keine Triumphpforte in die Partei ein.“ 

ERNST  BLOCH:

„Nicht jeder Dichter ist faustisch, wie bekannt. Auch nicht jeder Gelehrte, wie noch bekannter; fĂŒr die meisten ist eher der Wagner zustĂ€ndig. Doch jeder Denker, wenn er den Namen verdient, steht dem Erfrager Faust nahe...“ 

ALBERT EINSTEIN:

„Jeder Intellektuelle, der vor eines der Komitees vorgeladen wird, mĂŒĂŸte jede Aussage verweigern, das heißt bereit sein,sich einsperren und wirtschaftlich ruinieren zu lassen, kurz, seine persönlichen Interessen den kulturellen Interessen des Landes zu opfern.“

(aus einem Brief v. 16.5.1953 im Zusammenhang mit  McCarthys „Komitee gegen unamerikanische Umtriebe“) 

MARTIN GREIFFENHAGEN:

„Intellektuelle streiten fĂŒr Ideen. Ihre Waffe ist die Feder, ihre Munition das Argument. Sie verteidigen sich mit Beweisketten, und mit neuen Theorien fĂŒhren sie Überraschungsangriffe. Die Verbreitung ihrer Ideen bedeutet ihnen GelĂ€ndegewinn. Ein Intellektueller, dessen Buch totgeschwiegen wird, hat eine Schlacht verloren.“ 

KARL  JASPERS:

„Ich möchte der Gemeinschaft der unabhĂ€ngigen Denker angehören. Sie kennen nur die eine Verantwortung, wahr zu sein. Niemand zwar kann den Anspruch erheben, unabhĂ€ngig zu sein, wohl aber das Leben seines Denkens daran zu setzen, dieser UnabhĂ€ngigkeit sich zu nĂ€hern.“ 

KARL  KAUTSKY:

 â€žEs ist also vor allem die Aufgabe der wissenschaftlich gebildeten bĂŒrgerlichen Elemente, der Intellektuellen oder der ‚Akademiker’ in unserer Partei, die Einsicht in die großen gesellschaftlichen ZusammenhĂ€nge, eine weitschauende, ĂŒber das Augenblicksinteresse sich erhebende sozialistische Erkenntnis, das heißt, den revolutionĂ€ren Geist im besten Sinne des Wortes zu entwickeln und zu verbreiten.“ 

HEINRICH MANN:

„Was braucht ein Denkender, um das Leben recht zu fassen und nicht an ihm zu scheitern? Verachtung und GĂŒte. Jene, um nicht zu hassen, diese, um von Menschen nur zu fordern, was sie leisten können.“ 

derselbe:

„Ein Intellektueller,der sich an die Herrschenden heranmacht, begeht Verrat am Geist.“

derselbe:

„Könnte es sein, dass Intellektuelle nur bestimmt sind, die Wirklichkeit im voraus zu erraten?“ 

JOSÉ  ORTEGA Y GASSET:

„Der Intellektuelle empfindet nicht die Notwendigkeit des Handelns. Im Gegenteil: es kommt ihm wie etwas Störendes vor, das man fernhalten muss und zu dem man sich nur im Notfall knirschend ungern herbeilassen darf. DafĂŒr aber macht es dem geistigen Menschen Spaß, zwischen Ansporn und Handlung allerlei GrĂŒbelei einzuschieben. Es gibt Menschen, von denen man keine Tat erwarten darf: die Intellektuellen. Das ist ihr Ruhmesblatt und der Grund ihrer Überlegenheit. Sie sind letztlich autark, leben von ihren eigenen Anlagen, ihrem glĂ€nzenden inneren Reichtum. Der wahre Intellektuelle braucht nichts und niemanden; er ist schon selber ein Mikrokosmos.“ 

CARL  VON  OSSIETZKY:

„Wenn man den verseuchten Geist eines Landes wirkungsvoll bekĂ€mpfen will, muß man dessen allgemeines Schicksal teilen“. 

KARL  RAIMUND  POPPER:

"Wir Intellektuellen mĂŒssen vor allem lernen, bescheidener zu sein. Die ungeheure Unbescheidenheit der Intellektuellen ist etwas GrĂ€ĂŸliches." 

WALTHER RATHENAU:

„Die Welt wird nicht mehr bewegt durch laute Stimme, Gestalt und Handlung, sondern durch das stillste Wort. Der Schalthebel der Zeit wird berĂŒhrt von der Hand, die schreibt.“ 

RENÉ  SCHICKELE:

„Don Quichote ritt noch gegen WindmĂŒhlen. Die heutigen Intellektuellen begnĂŒgen sich damit, kleine Pamphlete in die FlĂŒgel zu blasen. Und die MĂŒhle ist lĂ€ngst dabei, sich selbst aufzumahlen.“  

MAX  WEBER:

„Eine der wichtigsten Voraussetzungen des Intellektuellen ist das Augenmass, the sense of proportion, die FĂ€higkeit, ein gelassenes Urteil ĂŒber die relative Wichtigkeit von diesem und jenem zu fĂ€llen.“                                                                           

CHRISTA  WOLF

„Es kommt nicht darauf an, dass wir uns als anstĂ€ndige Menschen fĂŒhlen können – was immer das heißen mag... Daß wir nicht aufhören können und dĂŒrfen, uns daran abzuarbeiten, ist unser einziges Privileg, eine Dauerspannung, die unsere SchreibbemĂŒhungen hervortreibt, immer öfter aber blockiert. Wir, die osteuropĂ€ischen Intellektuellen, kamen, so scheint es mir heute, etwas frĂŒher zu der Erkenntnis, dass wir unsere Moral ungedeckt, auf eigene Gefahr betreiben als Sie, die westeuropĂ€ischen Intellektuellen.“ 

STEFAN  ZWEIG:

"Aber wenn wir mit unserem Zeugnis auch nur einen Splitter Wahrheit aus ihrem zerfallenden GefĂŒge der nĂ€chsten Generation ĂŒbermitteln, so haben wir nicht ganz vergebens gewirkt."                           

 * * * * * *

 

Was sind Erasmus-Intellektuelle?

Am 11. Januar 2005 hielt Lord Ralf Dahrendorf im Wissenschaftszentrum Berlin fĂŒr Sozialforschung (WZB) einen Vortrag ĂŒber „Versuchungen der Unfreiheit“, dem er den etwas geheimnisvoll klingenden Untertitel gab „Erasmus- Intellektuelle im Zeitalter des Totalitarismus“. Was sich dahinter verbirgt und warum es fĂŒr unser Thema von großem Interesse ist, soll hier kurz referiert werden.

Dahrendorf weist einfĂŒhrend darauf hin, dass ihn seit langem die Frage beschĂ€ftig, warum so viele Intellektuelle nach dem Ersten Weltkrieg den Versuchungen des Kommunismus und dann auch des Faschismus erlegen waren. In diesem Vortrag stellt er die Frage jedoch von der anderen Seite und will erkunden, wer und warum diesen Versuchungen widerstanden hat. Als Vorbilder dienen ihm dabei Karl R. Popper, Raymond Aron und Isaiah Berlin, die alle drei im ersten Jahrzehnt nach dem Ersten Weltkrieg geboren wurden. Warum waren diese Persönlichkeiten immun gegen die Versuchungen ihrer Zeit von links und rechts? Dahrendorf sieht eine wichtige Ursache in gewissen Grundhaltungen, in Tugenden, von denen er vier besonders hervorhebt:

Erstens hatten sie den Mut, „die Sache der Freiheit in Einsamkeit zu vertreten“, und das unter Bedingungen, da „die StĂ€rke der Bataillone mehr zĂ€hlt als die der Argumente“.

Zweitens besaßen sie „die FĂ€higkeit, mit WidersprĂŒchen zu leben.“

Drittens nahmen sie die Position eines „engagierten Beobachters“ ein, dessen vielleicht wichtigstes Merkmal daran besteht, „dass er nicht zum Schweigen zu bringen ist; er beschreibt und analysiert und urteilt und schreibt und schreibt und schreibt, aber er handelt nicht.“

Viertens besaßen sie „die Passion der Vernunft“, denn obwohl in der Regel Vernunft und Leidenschaft wenig zusammen passten, zeichnete diese Persönlichkeiten aus, dass, sie „leidenschaftlich vernĂŒnftig“ waren.

Diese vier Tugenden, den Mut zur Freiheit in Einsamkeit, das Leben mit WidersprĂŒchen, das engagierte Beobachten und die Passion der Vernunft sieht Dahrendorf nun verkörpert in Erasmus von Rotterdam, der fĂŒr ihn bereits ein „öffentlicher Intellektueller“ gewesen ist. Damit ist die Frage nach dem Begriff der Erasmus-Intellektuellen oder - noch einfacher - der Erasmier erklĂ€rt. Es sind im allgemeinsten Sinne Intellektuelle, die öffentlich wirken, aber gegen die Versuchungen der Macht – woher sie auch kommen mag – immun sind.

Im 20. Jahrhundert gab es viele Versuchungen und PrĂŒfungen, denen solche Erasmus-Intellektuellen zu widerstehen und zu bestehen hatten. Ob das im 21. Jahrhundert erneut auftreten kann, lĂ€sst Dahrendorf offen, verweist aber auf den deutlichen Verlust an Bindungen einerseits und das Verlagen nach Sicherheit andererseits. Deshalb sieht er – bei aller Vorsicht – Grund fĂŒr die Warnung: â€žDie Werte und Haltungen, von denen ich gesprochen habe, geraten einmal mehr unter Druck. Das mag eine vorĂŒbergehende Stimmung sein, sogar eine Mode. Indes gibt es Grund zur Wachsamkeit fĂŒr diejenigen, denen aufgeklĂ€rtes Denken und liberale Ordnung lieb und teuer sind. Daran zu erinnern, dass es in frĂŒheren Zeiten der PrĂŒfung Erasmier gab, kann in solcher Zeit nicht schaden.“

Nachtrag 2006

Das Buch, in dem Ralf Dahrendorf sein Konzept von den „Erasmus-Intellektuellen“ ausfĂŒhrlich darstellt, ist nun bei Beck in MĂŒnchen unter dem Titel „Versuchung der Unfreiheit. Die Intellektuellen in Zeiten der PrĂŒfung“ erschienen. Die meisten Rezensenten, so in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (6.3.06), in der „SĂŒddeutschen Zeitung“ (14.3.06), in der „Neuen ZĂŒrcher Zeitung“ (21.3.06) und in „Die Zeit“ (11.5.06) reagierten kritisch bzw. zurĂŒckhaltend auf die Positionen des Autors.

* * * * * *

 

Ein zweiter Versuch

Nachdem die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ im Jahre 2002 den Versuch unternommen hatte, die 100 prominentesten deutschen lebenden Intellektuellen in einer Rangliste zu benennen (Siehe Ein seltsamer Versuch), legt nun, im Jahre 2006, die Zeitschrift „Cicero. Magazin fĂŒr politische Kultur“ nach und probiert es gleich mit 500 derartiger Persönlichkeiten.

Das Ergebnis ist noch seltsamer als vor vier Jahren, wenn man einen Harald Schmidt auf Platz zwei und Reich-Ranicki vom damals 10. Platz auf den jetzt 3. Platz vorgerĂŒckt findet. Die ersten Zehn dieser Liste sind (in Klammern die Placierungen 2002):

  • GĂŒnter Grass    (Grass)
  • Harald Schmidt  (Habermas)
  • Reich-Ranicki   (Augstein)
  • Martin Walser   (Ratzinger)
  • Peter Handke    (Handke)
  • JĂŒrgen Habermas (Enzensberger)
  • Wolf Biermann   (U. Beck)
  • Elfriede Jellinek  (Ch. Wolf)
  • Alice Schwarzer  (Walser)
  • Botho Strauß    ( Reich-Ranicki)

Bei diesem Ergebnis muss man gespannt sein, mit welchem Ergebnis zu rechnen wĂ€re, wenn einmal eine Rangliste der 100 bekanntesten Intellektuellen der deutschen Geschichte erstellt wĂŒrde!

 * * * * * *

 

Emile Zola: J’accuse – Ich klage an

Der moderne Gebrauch des Wortes „Intellektueller“ hĂ€ngt mit einem politischen Ereignis zusammen, das in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts Frankreich erschĂŒtterte und in ganz Europa zu heftigen Diskussionen fĂŒhrte: die Dreyfus-AffĂ€re.

Im September 1894 tauchte im französischen Generalstab ein Brief auf, aus dem hervorging, dass oder ein Spion tĂ€tig war. VerdĂ€chtigt wurde sofort der Hauptmann im Generalstab Alfred Dreyfus (1859-1935). DafĂŒr gab es nur einen Grund: Dreyfus war Jude. Und der Antisemitismus war zu diesem Zeitpunkt in Frankreich auf dem Vormarsch; im gleich Jahr war gerade eine Artikelserie Juden in der Armee in einer antisemitischen Zeitschrift erschienen. Dreyfus wurde verhaftet, vor ein MilitĂ€rgericht gestellt, schuldig gesprochen, öffentlich degradiert und zu lebenslanger Deportation nach Übersee verurteilt. Erschwerend kam hinzu, dass der Hauptmann aus dem Elsaß stammte, jenem Gebiet, das seit 1871 vom „Erzfeind“ Deutschland okkupiert worden war. Die einfache Logik lautete, dass nur ein Jude aus dem Elsaß fĂŒr die Deutschen spionieren konnte.

Im Prozess wurden Falschaussagen und gefĂ€lschte Dokumente verwendet. Aber erst die BemĂŒhungen des Bruders von Alfred Dreyfus fĂŒhrt nach Jahren intensivster BemĂŒhungen zu einem Teilerfolg. Der tatsĂ€chliche Verfasser des Briefes, ein Major Esterhazy, kommt vor Gericht und wird – unter dem Jubel der Armee – freigesprochen.

In dieser Situation meldete sich der namhafte Schriftsteller Emile Zola zu Worte. Am 13. Januar 1898 erschien in der Zeitung L’Aurore sein Offener Brief an Felix Faure, den PrĂ€sidenten der französischen Republik. Dieser Brief schlug wie eine Bombe in der französischen Öffentlichkeit ein. Nach einer sachlichen Einleitung enthielt er folgende Anklagen, die dem Dokument dann seinen Namen gaben: J’accuse – Ich klage an:

„Ich klage den Oberstleutnant du Paty de Clam an, der teuflische Anstifter des Rechtsirrtums gewesen zu sein...

Ich klage den General Mercier an, sich zumindest aus Schwachköpfigkeit zum Mitschuldigen an einer der grĂ¶ĂŸten Ungerechtigkeiten des Jahrhunderts gemacht zu haben.

Ich klage den General Billot an, die sicheren Beweise fĂŒr Dreyfus’ Unschuld in HĂ€nden gehabt, sie unterdrĂŒckt und sich so schuldig gemacht zu haben: eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit und gegen die Gerechtigkeit zu einem politischen Zwecke und um den bloßgestellten Generalstab zu retten.

Ich klage den General de Boisdeffre und den General Gonse an, sich zu Mitschuldigen an demselben Verbrechen gemacht zu haben...

Ich klage den General de Pellieux und den Major Ravary an...

Ich klage die drei SchreibsachverstĂ€ndigen, die edlen Herren Belhomme, Barinard und Couard an, verlogene und betrĂŒgerische Gutachten erstattet zu haben...

Ich klage die militĂ€rischen BĂŒros an...

Ich klage endlich das erste Kriegsgericht an, das Recht verletzt zu haben.... und ich klage das zweite Kriegsgericht an, die Ungesetzlichkeit auf Befehl gedeckt zu haben...

Was die Leute betrifft, die ich anklage, so kenne ich sie nicht, ich habe sie niemals gesehen, ich hege gegen sie weder Groll noch Haß. Sie sind fĂŒr mich nur Wesenheiten, Geister sozialen Verderbens. Und die Tat, die ich hier vollbringe, ist nur ein revolutionĂ€res Mittel, um den Ausbruch der Wahrheit und Gerechtigkeit zu beschleunigen.

Ich habe nur eine Leidenschaft, die der AufklĂ€rung im Namen der Menschheit, die so viel geduldet hat und ein Recht auf glĂŒcklichere Tage besitzt. Mein flammender Protest ist nur der Aufschrei meiner Seele. Wage man es daher, mich vor das Schwurgericht zu stellen, und möge die Untersuchung im vollen Lichte der Öffentlichkeit gefĂŒhrt werden.

Ich warte.“

Zola brauchte nicht lange zu warten. Nicht wegen seiner detaillierten Anklagen, sondern wegen Beleidigung des Kriegsgerichts wird er vor Gericht gestellt und verurteilt. Zugleich kam es zu einer inszenierten Hetzjagd gegen Zola. Dagegen standen seine Freunde und viele Angehörige geistiger Berufe – KĂŒnstler, Schriftsteller, Wissenschaftler – fĂŒr Zola ein. Frankreich war gespalten. Die Protestschreiben und Manifeste gegen den Unrechtsprozess gegen Dreyfus und fĂŒr Zola hĂ€uften sich. Die staatlichen Gegner und deren ideologische AnhĂ€nger sprachen von einem „Protest der Intellektuellen“. Man habe, so lamentierten sie, das Wort „Intellektuelle“ geprĂ€gt, um damit „gleich einer Adelskaste die Leute zu bezeichnen, die in Laboratorien und Bibliotheken leben“.

Was Zola anging, so musste er einige Zeit im Exil in England leben, um den Verfolgungen zu entgehen. Die erzwungene Wiederaufnahme des Prozesses gegen Dreyfus endete mit einem Skandal: Er wurde wieder schuldig gesprochen und erhielt eine GefĂ€ngnisstrafe von 10 Jahren. Zwar wurde er bald darauf unter dem Druck der Öffentlichkeit begnadigt, doch erst 1906 erfolgte ein echter Freispruch mit Rehabilitierung und Wiedereinstellung in die Armee im Rang eines Oberstleutnants.

So war denn die Dreyfus-AffĂ€re ein deutliches Symptom fĂŒr den Zustand und die gegensĂ€tzlichen gesellschaftlichen, politischen und ideellen KrĂ€fte in Frankreich am Ausgang des 19. Jahrhunderts. Zugleich war sie die Geburtsstunde des modernen Begriffs des Intellektuellen, der von der ersten Stunde an als Schimpfwort, negativ und diffamierend benutzt wurde, zugleich aber auch von den so Angegriffenen und Gekennzeichneten als eine Art „Ehrentitel“ angenommen wurden, verstanden sie sich doch als Verteidiger von Wahrheit und Recht.

EF

* * * * * *

Ein europaeischer Intellektueller – JosĂ© Ortega y Gasset

Als sich am 18. Oktober 2005 der fĂŒnfzigste Todestag des großen spanischen Philosophen JosĂ© Ortega y Gasset jĂ€hrte, war das den deutschen Medien keine Notiz wert. Vielleicht gab es ja wichtigeres, vielleicht erinnerte man sich nicht mehr so an den Autor, der das Buch Aufstand der Massen verfasst hat, vielleicht war das geistige Spanien etwas zu weit weg. Doch Ortega ist mehr als ein großer spanischer Denker. Er ist einer jener Vordenker eines verĂ€nderten und vereinigten Europas, der darin allerdings nicht in erster Linie politische und wirtschaftliche Interessen vereint sah, sondern ein großartiges geistiges und kulturelles Europa visionĂ€r voraussah. Bereits 1927 erkannte er die Notwendigkeit tiefgreifender Reformen fĂŒr ein erneuertes Europa. „So ist unser Europa ein Schiff, belastet mit totem Zeug, das eine lange Vergangenheit in seinem Kiel und seinen Seiten abgeladen hat. MĂŒhselige Fahrt! Das Schiff muß entlastet werden: es gilt, zurĂŒckzukehren zum Klaren und Wesentlichen, es gilt, reiner Muskel und reiner Nerv zu sein.“ Und in der 1930 erschienen Schrift Aufstand der Massen. mit der der Autor international berĂŒhmt wurde, propagiert er eine echte europĂ€ische Einheit in Gestalt von Vereinigten Staaten von Europa. „Einzig der Entschluß, aus den Völkergruppen des Erdteils eine große Nation zu errichten, könnte den Puls Europas wieder befeuern. Unser Kontinent wĂŒrde den Glauben an sich selbst zurĂŒckgewinnen und in natĂŒrlicher Folge wieder Großes von sich fordern, sich in Zucht nehmen“, heißt es da. FĂŒr die EuropĂ€er breche jetzt die Zeit an, da Europa zu einer Nationalidee werden könne.

Schon deshalb wĂ€re die Erinnerung an Ortega von Nutzen in einer Zeit, da man beim Stichwort Europa meist nur an Finanznöte oder politische Querelen denkt. Aber es gibt nach eine Menge anderer GrĂŒnde, sich nicht nur an diesen Denker zu erinnern, sondern ihn grĂŒndlich zu lesen. Der am 9. Mai 1883 in Madrid geborene Ortega studierte in Malaga und Madrid, promovierte 1904 und setzte danach seine Studien in Deutschland, vor allem in Marburg bei dem Neukantianer Hermann Cohen fort. Von 1910 an lehrte er an der Madrider UniversitĂ€t. Daneben war er als Publizist tĂ€tig und war an der Herausgabe verschiedener Zeitschriften beteiligt. 1931 wurde er in die Verfassungsgebende Versammlung der spanischen Republik gewĂ€hlt, zog sich 1933 jedoch enttĂ€uscht aus der aktiven Politik zurĂŒck. Bei Ausbruch des spanischen BĂŒrgerkrieges ging er ins Exil in Frankreich, Argentinien und Portugal. Wenige Jahre nach seiner RĂŒckkehr nach Spanien starb er am 18. Oktober 1955 in Madrid.

Wie kaum ein anderer Philosoph europĂ€ischen Formats bestanden zwischen Ortega und der deutschen Philosophie, der deutschen Kultur, dem deutschen Geistesleben engste Beziehungen. Durch seine Studienjahre in Deutschland war er mit Kant vertraut, schrieb ĂŒber Hegel, er sei „vom Stamme der Titanen.“, sah in Dilthey den bedeutendsten Denker der zweiten HĂ€lfte des 19. Jahrhunderts und nannte Mommsen „eine Hart Herkules der Geschichtsschreibung“. Mehrfach betonte er, dass er in seinen Gedanken der Ideenwelt eines Heidegger mindestens um ein Jahrzehnt vorausgegangen sei. Und in der jungen Bundesrepublik war er mit seinen VortrĂ€gen ein gerngesehener Gast, selbst vom BundesprĂ€sidenten Heuß öffentlich gewĂŒrdigt.

Provozierend und damit durchaus belebend war sein Auftreten zum hundertsten Todestag von Goethe 1932. Er ging dabei von seiner theoretischen Grundauffassung aus, wonach das Leben seiner innersten Beschaffenheit nach ein Drama sei, „denn es besteht aus einem leidenschaftlichen Kampf mit den Dingen und ĂŒberdies mit unserer Anlage, dem Kampf, durch den wir in Wirklichkeit zu werden suchen, was wir im Entwurf sind.“ Von daher meinte er, dass man Goethe meist missverstanden hĂ€tte, denn: „Dieser Mann hat sein Leben damit verbracht, sich selbst zu suchen oder zu meiden – eine Haltung, die von der Sorge um die vollkommene Verwirklichung seiner selbst so verschieden wie möglich ist.“ Da es fĂŒr einen schöpferischen Menschen immer bedenklich sei, wenn ihn ein Übermaß an Sicherheit umgebe, hielt Ortega die Entscheidung Goethes, sich in Weimar niederzulassen, fĂŒr eine totale Fehlleistung. „Wie beglĂŒckend wĂ€re fĂŒr die Menschheit ein Goethe gewesen, der in Unsicherheit, von der Umwelt bedrĂ€ngt und unter dem Zwang gelebt hĂ€tte, die wunderbaren, in ihm schlummernden KrĂ€fte auszuströmen.“ Dieser ganz andere Goethe, so Ortega, hĂ€tte den in ihm steckenden gewaltigen Entwurf tatsĂ€chlich ganz verwirklichen können; so aber sei er dieser Selbstverwirklichung immer wieder ausgewichen.

Bei seiner BeschĂ€ftigung mit Deutschland ging der Spanier aber auch auf die inneren Konflikte dieses von ihm so hochgeachteten Landes ein. 1908 schrieb er zum Beispiel in dem Artikel Das zweigeteilte Deutschland: „Sagen wir, es gebe ein Deutschland des Philosophen neben einem Deutschland des Philisters oder des SpießbĂŒrgers.“ Und wĂ€hrend des Ersten Weltkrieges fĂ€llte er ein klares Urteil ĂŒber jene Denkschrift deutscher Geistesschaffender, die sich 1914 öffentlich zum Krieg und zum deutschen Militarismus bekannten (s. auch Dokumente) : „... das Schweigen war die ideale Haltung. Unmöglich machten die exakte Verwirklichung dieses Ideals erstens die deutschen Professoren mit jenem beklagenswerten Dokument, das am Tage des Friedens, wenn die Vernunft wieder tagt, viele von ihnen mit Scham und Schmerz wiederlesen werden. Die Thesen verdoppeln den Krieg, da sie ĂŒber den Streit der Waffen den allgemein Streit der Wissenschaften anzettelten.“

 JosĂ© Ortega y Gasset war ein Philosoph, der ĂŒber sein ureigenstes Gebiet ebenso publizierte wie ĂŒber die Geschichte, die Soziologie und die PĂ€dagogik, aber auch ĂŒber Liebe oder die Jagd. Als streitbarer Liberaler hatte er VerstĂ€ndnis fĂŒr die sozialen Probleme seiner Zeit und nahm Partei fĂŒr die Forderungen der arbeitenden Schichten. â€žDie Idee, dass die gegenwĂ€rtige Gesellschaft ungerecht organisiert ist“, schrieb er 1919, „weil sie nicht nach dem Prinzip der Arbeit organisiert ist, die ganz simple, aber furchtbar auf der Hand liegende Idee, dass einige viel arbeiten und wenig essen, wĂ€hrend andere viel essen und ĂŒberhaupt nicht arbeiten, hat im moralischen Klima unseres Jahrhunderts eine so ungeheure Energie erlangt..., dass man ihr keine Kraft entgegenstellen kann, die ihr standzuhalten  vermöchte.“

Ortega verstand sich selbst als Intellektueller und hat zugleich ĂŒber diese seine Stellung allgemeingĂŒltige Aussagen getroffen (s. auch Definitionen). Er war sich sehr wohl bewusst, dass die Mission des Intellektuellen darin bestand, Rufer in der WĂŒste zu sein und betonte immer wieder, dass er stets bemĂŒht war, „mit skrupelhafter Gewissenhaftigkeit meinen Intellektuellenberuf auszuĂŒben. Der Intellektuelle ist meiner Anschauung nach zu nichts anderem in die Welt gekommen, als um angestrengt die Wahrheit zu verfolgen und, hat er sie gefunden, sie lauthals zu verkĂŒnden.“ Aus seinen eigenen Erfahrungen mit der Politik und den Politikern heraus formulierte er recht pessimistische Ansichten, die man angesichts der heutigen Praktiken der Politiker durchaus auch jetzt noch nachempfinden kann. „Der echte Intellektuelle ist stets aufs neue erschrocken ĂŒber dieses LĂŒgentalent der großen Politiker,“ schrieb er in der interessanten Schrift Mirabeau oder der Politiker. „ Im Grunde bewundert er vielleicht die herrliche Ruhe, mit der die Politiker das Gegenteil von dem sagen,was sie denken, oder das Gegenteil von dem denken, was sie mit eigenen Augen sehen, In diesem Neid offenbart sich ganz unbefangen ein spezifischer Vorzug des echten Intellektuellen. Sein Dasein grĂŒndet sich auf das stĂ€ndige BemĂŒhen, die Wahrheit zu denken und die einmal gedachte Wahrheit, mag sie sein, wie sie wolle, auszusprechen, selbst wenn man ihn deshalb in StĂŒcke reißen sollte. Das ist fĂŒr den Intellektuellen das Maximum an Tat: ein Tun, das eigentlich ein Leiden ist. Der Denker kann und soll keine andere Form von Heldentum anstreben als das Martyrium.“ Daher meinte Ortega, dass es ideal wĂ€re, wenn sich der Intellektuelle ĂŒberhaupt nicht mit Politik abgĂ€be. Wenn er jedoch meint, dass es unbedingt erforderlich sei, sich in die Politik einzumischen, dann sollte er das stets als Intellektueller tun, das heißt er „darf nicht die Tugenden und die Imperative des Berufs und der Disziplin, in denen er steht, zu Hause lassen. Nur so wird sich seine Mitarbeit fruchtbar gestalten.“

Die ModernitĂ€t dieses Denkens ist frappierend; es ist das ein Indiz dafĂŒr, dass wir es bei JosĂ© Ortega y Gasset tatsĂ€chlich mit einem Großen der europĂ€ischen Philosophie zu tun haben.