Heinrich Payr
Der kritische Imperativ
Zur Psychologie von Intellektuellen
Ein Essay
Wien 1997


Der ”sterreichische Schriftsteller und Journalist Heinrich Payr (*1951) unternimmt in diesem Essay den Versuch, ein wenig zur Psychologie von Intellektuellen beizutragen. Nach der Lektre legt man das Buch aus der Hand mit dem Eindruck: viel geredet, viel zerredet. Dabei geht es gar nicht um die kleinen Ungenauigkeiten – so wenn Gehart Hauptmann unterstellt wird, er habe "mit berschw„nglichen Worten“ die Machtbernahme der Nazis und sp„ter die Errichtung der DDR gefeiert (16). Bekanntlich wurde die DDR 1949 gegrndet, Hauptmann starb aber bereits 1946. Es geht vielmehr darum, dass der Autor immer verschwommener wird, wenn er sein Bild des Intellektuellen zeichnet. Er will keine Definition dieses Pers”nlichkeitstyps geben, sondern nur eine "die Beschreibung eines Ist-Zustandes,“ (27), denn: "Wer nun als Intellektueller gilt und wer nicht, das h„ngt ursprnglich weder von seinem Beruf ab noch von seiner Bildung; es h„ngt auch nicht unbedingt von seinen Leistungen ab. Also davon, ob er erfolgreich oder prominent ist…..!“ Abh„ngig sei es von der Haltung, es gehe daher um eine "subjektive Entscheidung“ (31). Deshalb will Payr besser
von "Intellektualit„t sprechen“ (32) und sich ansonsten nicht weiter festlegen. Allerdings macht er es dann aber doch, wenn er zu der Entdeckung kommt, dass es "so etwas wie eine Disposition zur Intellektualit„t“ gibt, die er auf derart „uáerliche und zuf„llige Dinge zurckfhrt wie die Statur oder das Aussehen. (54) Bei einer solchen Auffassung ist es nicht verwunderlich, dass fr den Autor die Masse der Intellektuellen "fr die ™ffentlichkeit gesichts- und namenlos“ bleibt. (61)
Mehrfach wird behauptet, dass hier keine "Intellektuellenhatz“ betrieben werden soll. Doch z„hlt man die von Payr angefhrten charakteristischen Zge des Intellektuellen zusammen, dann entsteht ein zutiefst negatives Bild: Als weit verbreiteter Zug sei das Minderwertigkeitsgefhl (46), hinzu k„me eine "gewisse Griesgr„migkeit“ (72), eine "ausgepr„gte Humorlosigkeit“ , weshalb man von "Betschwesterlichkeit“ reden k”nnen (143). Schlieálich wird behauptet, dass es demokratisch gesinnte Intellektuelle "nicht in sonderlich groáer Zahl“ (143) g„be, also die Demokratiefeindlichkeit ein entscheidender Zug der Intellektuellen darstelle. Und noch eine einpr„gsame Formel wird dem Leser vermittelt, n„mlich: "Merke: Intellektuelle + Politik = Ideologie.“ (117)
In Anlehnung an Kennedys berhmten Satz "Ich bin ein Berliner“ schlieát der Essay mit der khnen Behauptung "Ich bin ein Intellektueller“. Kann man das nach der Lektre dieses Bchleins glauben?

E. Fromm