Johann Karl Wilhelm Moehsen - die Wirklichkeit kritisch erkennen

Als sich am 7. Februar 1787 die Mitglieder der Mittwochsgesellschaft zu ihrer gewohnten Runde zusammenfanden, in der sie sich mit den verschiedensten Themen ihres aufkl„rerischen Strebens befassten, wurden sie mit einer Problematik konfrontiert, die bis heute nichts an Aktualit„t eingebát hat: dem Freitod und seinen Ursachen. Kein geringerer als der letzte Leibarzt Friedrichs II. (1712 - 1786), Johann Karl Wilhelm Moehsen, sprach ber die "berlinischen Selbstm”rder" und kam dabei zu recht sozialkritischen Einsch„tzungen. Seine erkl„rte Absicht war es, die "grauenverursachende Wahrheit ans Licht zu stellen,...daá in Berlin die j„hrliche Zahl der groben Selbstm”rder gr”áer ist als in andern groáen europ„ischen St„dten...".

Ein vielseitig interessierter Mediziner

Dass Moehsen eine medizinische Laufbahn einschlug, ergab sich fast von selbst. Am 9. Mai 1722 in Berlin geboren, verlor der Junge noch im gleichen Jahr seinen Vater und wuchs beim Groávater Christoph Horch auf. Der aber diente als Leibarzt beim K”nig Friedrich Wilhelm I (1688 - 1740). Also absolvierte der junge Moehsen nach dem Joachimsthalschen Gymnasium das Berliner Collegium medico-chirurgicum sowie die Universit„ten von Jena und Halle. Bereits Anfang der vierziger Jahre wirkte er als promovierter Arzt in Berlin. Von seinem K”nnen und seinem Ruf zeugen Ernennungen zum Mitglied des Ober-Medizinalkollegiums (1747), der obersten preuáischen Gesundheitsbeh”rde, sowie zum Mitglied des Ober-Sanit„tskollegiums (1763). Seit 1766 wirkte er als Arzt am Kadettenkorps und in der Ritterakademie. 1778 schlieálich wurde er Leibarzt des K”nigs Friedrich II.
Als er 1786 zum ordentlichen Mitglied der Berliner Akademie der Wissenschaften berufen wurde und auch Mitglied der s„chsischen Leopoldina war, verdankte er das wohl weniger seinem Ruf als Mediziner als vielmehr seinen Untersuchungen zur Wissenschaftsgeschichte. šberhaupt schien ihm die Medizin allein nicht auszureichen. Er war ein fachkundiger Mnzensammler und besch„ftigte sich systematisch, auch publizistisch mit der Numismatik. Seine Kunstsammlung gewann im Laufe seines Lebens erheblichen Umfang und Wert. Und seine Privatbibliothek von etwa 15 000 B„nden zeugte von seiner Liebe zum Buch. Schon zwischen 1747 und 1750 hatte er gemeinsam mit seinem Schulfreund Johann Karl Konrad Oelrichs (1722 - 1799) eine Zeitschrift herausgegeben, die den stolzen Titel trug "Berlinische Bibliothek, worinnen von neu herausgekommenen Schriften und andern zur Gelehrsamkeit geh”rigen Sachen kurze Aufs„tze und Nachrichten mitgetheilt werden".
Seit 1755 war Moehsen mit der aus einer Goldschmiedefamilie stammenden Friederike Louise Ast verheiratet. Auf seine fnf Kinder, vier S”hne und eine Tochter, war der Vater besonders stolz.
Als Moehsen am 22. September 1795 in Berlin starb, wurden seine umf„nglichen Kunstsammlungen in die k”niglichen Sammlungen aufgenommen.

Ein frher Wissenschaftshistoriker

In der Runde der Berliner Aufkl„rer, die sich in ihrer Mittwochsgesellschaft zum theoretischen Disput trafen und im Alltag als preuáische Beamte und Wissenschaftler, als Žrzte und Theologen reformerisch zu wirken versuchten, war es Johann Karl Wilhelm Moehsen, der als erster die Frage aufwarf, was denn Aufkl„rung eigentlich sei und warum sie in Preuáen noch nicht so weit gediehen sei. Bekanntlich erwuchs aus dieser Frage dann eine vielseitige Diskussion, die sich in verschiedensten Beitr„gen - so von Immanuel Kant (1724 - 1804) und Moses Mendelssohn (1728 - 1786) - in der "Berlinischen Monatsschrift" widerspiegelte. Auch Moehsen publizierte in diesem Organ der Berliner Aufkl„rer, allerdings unter Pseudonym (als Xaverius Groáinger) oder anonym, so, als er seinen Beitrag ber die Berliner Selbstm”rder 1788 erscheinen lieá. Die "Berlinische Monatsschrift" nannte er "das schwarze Brett am Gerichtshofe der aufgekl„rten gesunden Vernunft"; seine eigenen Beitr„ge zeugen von dem Willen nach Aufkl„rung, von der Mobilisierung der Vernunft und - von einem hintergrndigen Humor.
Besondere Verdienste erwarb sich Moehsen mit seinen Arbeiten zur Brandenburgischen Wissenschaftsgeschichte. Hier betrat er wissenschaftliches Neuland. 1781 erschien seine "Geschichte der Wissenschaften in der Mark Brandenburg", 1783 folgten die "Beitr„ge zur Geschichte der Wissenschaften in der Mark Brandenburg". Hier ein typisches Beispiel seiner intensiven Darstellungsweise: "So wie ehemals einige unter dem Adel den regelm„áigen Krieg und den Vasallendienst des Lehnsherren verabscheueten, und statt dessen als irrende Ritter fremde und weit entlegene L„nder durchzogen, um bezauberte Prinzessinnen, verwnschte Schl”sser, bezauberte Pall„ste, gnstige Feen, Drachen, Mohren, Riesen, Lindwrmer und andre Abentheuer zu suchen, die sie mit Klugheit, List und mit m„nnlicher Tapferkeit bek„mpfen, und dadurch unausl”schlichen Nachruhm, auch wohl Frstentmer und Herrschaften erwerben wollten; so gab es Jahrhunderte, in welchen einige unter den Studierenden beinahe denselben Weg erw„hlten. Junge Leute, die auf hohen Schulen ihre Zeit und Verm”gen bel angewendet, Žrzte, denen der Umfang der Arztwissenschaft und die Schriften der arabischen Žrzte und des Galenus zu weitl„ufig, das in der Jugend vers„umte Erlernen der lateinischen, griechischen und anderer Sprachen zu beschwerlich, und berhaupt grndlich zu studieren, zu mhsam war, suchten Philosophen auf, welchen sie die Zubereitung des Steins des Weisen absehen wollten, und bemhten sich, Unterricht in den sogenannten verborgenen Wissenschaften, als in der Alchymie, Astrologie, Magie, Kabbala, Nekromantie u. d. g. zu erhalten, um Gold zu machen, knftige Dinge zu erforschen, verborgene Sch„tze zu entdecken, groáe Kuren zu verrichten, allenfalls auch den Teufel zu bannen, der zu der Zeit ein sehr kluger, reicher und m„chtiger Herr war.
... Wer den Stein der Weisen hatte, brauchte nicht weiter sich mit studieren den Kopf zerbrechen; er durfte nur beten, gutes tun, verschwiegen sein: so bersah er alle brigen Menschen.“ (Beitr„ge zur Geschichte der Wissenschaften in der Mark Brandenburg von den „ltesten Zeiten an bis zu Ende des sechzehnten Jahrhunderts, Berlin 1783, S. 17/18)
Moehsen sammelte nicht nur eine Vielzahl von biographischen Daten, Fakten, Institutionen, die fr sp„tere Arbeiten zu wichtigen Quellen wurden. Er war stets um eine komplexe Sichtweise und umfassende Darstellung und Wertung bemht. Ein charakteristisches Beispiel seiner Arbeits- und Darstellungsweise ist seine Untersuchung zu Leonhard Thurneisser zum Thurn (1531 - 1596). Bereits zu Moehsens Lebzeiten waren die Quellen widersprchlich, die Wertungen geradezu entgegengesetzt. Auf 180 Seiten befasste sich Moehsen mit dem Leben und Wirken dieses widersprchlichen Mannes, untersucht vor allem seine Wirkung in Berlin und Brandenburg, scheut nicht vor einer Bewertung seiner wissenschaftlichen Kenntnisse und seines moralischen Charakters zurck, analysiert die verschiedensten T„tigkeiten, Einnahmequellen, Handlungsweisen - kurz er zeichnet ein komplexes und unvoreingenommenes Bild des Lebens und Wirkens Thurneissens. Doch dabei bleibt er nicht stehen. Er stellt Thurneissens Bibliothek und sein Naturalien-Kabinett vor, erarbeitet eine šbersicht ber den umfangreichen Briefwechsel des Mannes mit vielen seiner Zeitgenossen, und er fgt ein Verzeichnis der gedruckten Schriften Thurneissens an. Zugleich nutzt er diese biographische Arbeit, um in aufkl„rerischer Manier eine kulturgeschichtliche Studie ber die Entwicklung der Medizin zu entwerfen: die beiden einfhrenden Abschnitte befassen sich mit den "gelehrten Reisen und Wanderschaften der Chymischen Žrzte des sechzehnten und einiger vorhergehender Jahrhunderte" sowie mit dem "Styl der Alchymisten und Ursprung der herrlichen Eigenschaften des Steins der Weisen". Aber selbst das reicht noch nicht aus. Die Erkundungen zu Thurneissens eigener Druckerei und den darin besch„ftigten Handwerkern und Knstlern w„chst sich unter den H„nden Moehsens zu einem eigenst„ndigen Beitrag zur Knstlergeschichte im sechzehnten Jahrhundert aus. Man muss sich uneingeschr„nkt dem Urteil des Rektors des Joachimsthalschen Gymnasiums, Johann Heinrich Ludwig Meierotto (1742 - 1800), anschlieáen, der ber den Wissenschaftshistoriker Moehsen sagte: "Und in der Tat zeigt er uns die Mark von einer ganz neuen Seite; wenn man bisher nur sah, was hier geschrieben oder wie hier gefochten, geraubt, zerst”rt worden oder was von der Mark etwan deduziert war, so sieht man zuerst in seinen Schriften, wie man in jeder Periode in der Mark gedacht, wie man gelebt, wie man gehandelt hat."
Fr Moehsen war aber nicht nur die Wissenschaftsgeschichte von Interesse. Mit groáem Engagement setzte er sich fr die Volksgesundheit ein und legte den Finger immer wieder auf groáe und kleine Probleme, die man nicht allein aus „rztlicher Sicht bek„mpfen sollte. So schrieb er ber den indiskutablen Zustand der Spree: "Da uns oblieget, vorzglich auf die Erhaltung der Gesundheit der Einwohner dieser volkreichen Stadt, in welcher der ganze Hof, das hohe Ministerium, s„mmtliche vornehmste Landeskollegia, ein ansehnlicher Theil der Generalit„t, und viele fremde und einheimische vornehme Personen sich aufhalten, bedacht zu sein; so h„tten wir das Unglck, das bei gegenw„rtigen Zeiten der Stadt durch das Ausgieáen der Nachteimer in die Spree bevorstehen k”nnte, vorzustellen, da dieses Unwesen t„glich eher zu als abnimmt...
Die Einwohner der Residenz brauchen den Strom h”chstn”thig zum Brauen des Biers, zu einigen Kochereien, zum Seiden- und Wollf„rben, und andern sowohl h„uslichen als mechanischen Arbeiten, zu welchen allen reines Wasser erforderlich ist. In den Sommermonaten Julius, August, und September, ist der Strom sehr klein, und die darausgezogenen Gr„ben vertrocknen fast g„nzlich. Dem ohnerachtet wird aller Unrath so h„ufig hineingeschttet, als in andern Monaten, wenn der Strom wasserreich ist. Der Unflath h„ufet sich - der Gestank wird in allen Gegenden der Stadt unleidlich, und der n”thige Gebrauch des Spreewassers der Gesundheit h”chst sch„dlich. Hiezu kommt noch, daá in den Monaten August und September gew”hnlich die Ruhr, und in diesem Jahr auch die Pocken, sehr grassieren. Das ansteckende Gift dieser beiden Krankheiten wird dadurch, und besonders auch durch das neuerlich anbefohlene Ausgieáen der Nachteimer von den Zugbrcken, in der ganzen Stadt verbreitet; und man h„tte keine gef„hrlichere Verfgung treffen k”nnen, um epidemische und faule Fieber zugleich unter dem brigen Theil der Einwohner zu vebreiten, der von der Ruhr frei geblieben, und von den Pocken nichts mehr zu besorgen hat...
Die Todtenzettel des verwichenen und gegenw„rtigen Monats zeigen genugsam, was fr unglckliche Folgen die h”chstsch„dliche mit faulen Dnsten angefllte Luft in dieser Stadt bei der groáen Hitze nach sich zieht; wo niemand, der in volkreichen Gegenden derselben wohnet, seine Fenster der Abkhlung wegen, des Abends ”ffnen darf, ohne den ekelhaftesten und sch„dlichsten Gestank in seine Zimmer einzuziehen.“ (Eingabe an das Obersaniz„tskollegium in Berlin von einem Mitglieder desselben. In: Berlinische Monatsschrift 1784)
Und in seinen bereits genannten Untersuchungen zum Selbstmord in Berlin wurde die sozialkritische Sicht des Mediziners besonders deutlich. "Aus den Tabellen erhellt auch, welche Klasse von unsern Mitbrgern am h„ufigsten in den Selbstmord verf„llt, heiát es da. "Unter den vorher angefhrten 239 Selbstm”rdern sind 132 vom Milit„r- und nur 107 vom Zivilstande. Erw„get man hierbei, daá von den Einwohnern in Berlin nach Nicolais Berechnung 111.635 brgerlichen Standes und nur 33.386 vom Milit„rstande sind, so bertrifft der erstere den letzteren weit ber zwei Drittel, und ist also jener šberschuá desto auffallender...
Was nun die wahrscheinlichen Ursachen betrifft, warum hier der Milit„rstand h„ufiger als der Zivilstand in Selbstmord verf„llt, so bin ich nicht der Meinung, daá die Irreligion, die so mancher, der Berlin gar nicht kennt, ... dieser Stadt vorgeworfen, daran schuld sei. Die Kantonisten werden noch immer in kleinen St„dten und D”rfern aus dem gew”hnlichen Katechismus unterrichtet. Und die Ausl„nder kommen schon erwachsen hierher, aus ihrem religi”sen und fr”mmer sein sollenden Vaterlande. Auch kann ja die Irreligion bei dem armen Soldaten, der wohl schwerlich etwas von Deismus weiá, nicht so ganz unverh„ltnism„áig st„rker und ausgebreiteter sein als bei dem ppigen St„dter und feiner kultivierten Zivilisten, wenn n„mlich die Kultur die Mutter der Irreligion sein soll. Diese irrige Behauptung wird v”llig durch das einzige unleugbare Faktum widerlegt, daá der mitnichten irreligi”se Milit„rstand hier die mehrsten Selbstm”rder zeigt...
Der Soldat hat keinen andern Weg, sich Achtung bei seinesgleichen und bei den Vorgesetzten zu verschaffen als Wohlverhalten und ehrliche Auffhrung. Wird er durch beschimpfende Leibesstrafen ”ffentlich und um geringer Ursachen willen oder gar unschuldig beschimpft, so verliert er die Achtung, die er sich bisher erworben hat. Ein Brgerlicher, der unrechtm„áig um Geld gestraft wird, kann appellieren. Wer nimmt aber dem Soldaten die Schl„ge ab, die ihm sein Offizier, wenngleich nicht aus Brutalit„t, doch gewiá oft aus eignem innern Unmut, aus šbereilung, aus einseitiger Anklage bei ungeh”rter Sache gibt oder geben l„át? Bei wem soll er klagen? Bei h”heren Vorgesetzten? Das macht ihn oft noch unglcklicher...
Ist der preuáische Soldat im Kriege gewesen, so hat er gesehen, wie die verstmmelten K”rper seiner gegen den Feind gebliebenen Kameraden tagelang auf dem Schlachtfelde liegengeblieben, hernach weggeschleppt und ber Hals und Kopf ohne Gesang und Klang in Gruben und ungeweihte Erde gestrzt und verscharrt werden. In der Garnison sieht er t„glich, daá die Feldscherer in den Lazaretten an ihren verstorbenen Kameraden sich in Operationen ben, die K”rper verstmmeln, auch wohl Skelette auskochen, die K”pfe abnehmen und, wenn sie zugerichtet sind, auf den Schrank setzen. Was kann einem Selbstm”rder dieses Standes wohl daran gelegen sein, ob sein Totenkopf auf dem Rabenstein oder auf es Feldscherers Schrank steht!“ (Betrachtungen ber die berlinischen Selbstm”rder. In: Berlinische Monatsschrift 1788) 
Die weit gefassten Interessen, die erkennbare aufkl„rerische Absicht und das sozialkritische Engagement weisen Moehsen als einen der aktivsten Mitglieder der Berliner Mittwochsgesellschaft aus, als einen der wirksamen Berliner Aufkl„rer.

E. Fromm