Marion Gr„fin D”nhoff

Unter den deutschen Journalisten, die in der zweiten H„lfte des 20. Jahrhunderts das Niveau bestimmten, spielte eine Frau eine herausragende Rolle, in deren Leben sich dieses so wechselvolle Jahrhundert auf ganz eigene Art widerspiegelt. Denn es war ein Leben mit verschiedenen Gesichtern. Am Anfang war es die ostpreuáische Gr„fin, die in wohlbehteten Bahnen aufwuchs und eine eigentlich ganz normale Karriere vor sich hatte. Dann war es die Nazigegnerin, die den Weg in den aktiven Widerstand fand. Und schlieálich war es die engagierte Journalistin, die ihre Zeit mit kritischen Augen sah. Marion Hedda Ilse Gr„fin D”nhoff wurde am 2. Dezember 1909 auf dem Familiensitz Schloss Friedrichstein in Ostpreuáen geboren. Ihre Familie lebte seit dem Mittelalter in Ostpreuáen. In einer Rede 1999 in Danzig sagte sie dazu: "Meine Familie, die im Mittelalter aus Westfalen nach Livland gezogen war, hat Jahrhunderte im Osten gelebt. Der erste D”nhoff kam mit dem Schwerritterorden ins Land und lieá sich sdlich von Riga nieder. Er wurde zum Stammvater von 18 Generationen, die dort im Raum zwischen Weichsel und Peipus-See gelebt haben."

Ihr Vater, August Karl Graf D”nhoff, war Mitglied des Preuáischen Herrenhauses und Abgeordneter im Deutschen Reichstag. Ihre Mutter, Ria von Lepel, hatte den Rang einer Palastdame der Kaiserin Auguste Viktoria. Marion Gr„fin D”nhoff war das jngste von sieben Kindern. Im Unterschied zu ihren „lteren Geschwistern erhielt sie nur sporadisch Unterricht. Erst nach einem schweren Autounfall, bei dem zwei Kinder ertranken und auch Marion sich nur in letzter Minute retten konnte, wurde sie in eine M„dchenpension nach Berlin geschickt. Hier erhielt sie ordentlichen Schulunterricht, war aber todunglcklich, weil sie Freiheit des Lebens auf Schloss Friedrichstein vermisste. Die letzten drei Schuljahre bis zum Abitur 1928 verbrachte sie in Potsdam, wo sie das einzige M„dchen in einer sonst reinen Jungenklasse war. Marion Gr„fin D”nhoff begann danach ein Studium der Volkswirtschaft an der Universit„t von Frankfurt am Main.

Kurz vor ihrem Tod erz„hlte sie, dass sie schon seit 1929 ein Anti-Nazi gewesen sei. Ihre Schulfreundinnen hatten ihr ganz begeistert von den Nazis und dem Fhrer Hitler erz„hlt. Als es eine Gelegenheit gab, fuhr die Gr„fin von Potsdam nach Berlin, um Hitler zu h”ren. Sie saá zwei Stunden lang zwei Meter vor ihm. Sie erz„hlte: "Auf mich wirkte er grauenhaft. Seine Argumente fand ich absolut irrsinnig. Aber das Publikum klatschte und jubelte ihm zu." "Diese Begegnung mit Adolf Hitler in der Schule gab fr meine lebenslange Einstellung den Ausschlag."

1933, nach der Machtergreifung der Nazis, zeigte sie ”ffentlich ihre Ablehnung des NS-Regimes. So versucht sie, eine Hakenkreuzfahne vom Dach der Universit„t zu entfernen und riss Plakate ab, auf denen Dozenten als Juden und Linke denunziert wurden. Bald war sie an der Universit„t als "rote Gr„fin" bekannt. Sie musste sogar Verfolgungen befrchten. Als dann rund 90 Professoren und Dozenten entlassen wurden, weil sie Juden waren oder linke Positionen eingenommen hatten und als ihre Freunde unter den Studenten, zumeist Sozialisten und auch Kommunisten, geflohen waren, verlieá sie auch Frankfurt und wechselte in die Schweiz. Dort studierte sie an der Universit„t Basel. Ihr Professor Edgar Salin regte an, dass sie ihre Doktorarbeit ber die Entstehung und Verwaltung des Familienbesitzes der D”nhoffs schreiben sollte. 1935 verteidigte sie diese Arbeit mit besten Noten.

Nach dem erfolgreichen Abschluss ihrer Ausbildung fiel ihr der Aufenthalt im faschistischen Deutschland besonders schwer. Sie begab sich daher auf lange Reisen, unter anderem auch nach Afrika. Erst 1937 kehrte sie in die Heimat zurck und bernahm 1939, als ihr „ltester Bruder Heinrich Soldat werden musste, die Verwaltung der Familiengter.

Ihre kritische Haltung gegenber den Nazis blieb im Kreis ihrer Bekannten nicht verborgen. Das waren junge M„nner, die sie zum Teil noch aus ihrer Kindheit kannte. So war es nicht verwunderlich, dass sie ber diese Bekanntschaft mit einigen adligen Offizieren, die zum Kreis um Stauffenberg geh”rten, in die Arbeit der Verschw”rer einbezogen wurde. In den Jahren von 1940 bis 1945 fhrte sie damit das Doppelleben einer regimetreuen Gr„fin und eines Mitglieds der Widerstandsgruppe um Helmuth James Graf von Moltke, Peter Graf Yorck von Wartenburg und Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Zu ihren Aufgaben geh”rte es, Mitteilungen an ausl„ndische Diplomaten in der Schweiz weiter zu leiten, die Verbindung zwischen den Mitgliedern des Widerstandes aufrecht zu halten, Kontakte zu neuen Sympathisanten herzustellen und selbst weitere Mitglieder fr die Widerstandsgruppe zu werben.

So wurde sie 1942 – also lange vor dem Attentat – von Fritz-Dietlof Graf von Schulenburg gefragt, wen man denn nach einem gelungenen Umsturz als Landesverweser fr Ostpreuáen einsetzen k”nnte. Sie schlug den Grafen Heinrich Dohna, einen Generalmajor a. D. vor, der damals sein Gut Tolksdorf bewirtschaftete. Sie selbst fhrte das Gespr„ch mit Graf Dohna und konnte ihn fr die Pl„ne der Verschw”rer gewinnen. Als er nach dem 20. Juli hingerichtet wurde, machte sich die Gr„fin groáe Vorwrfe, weil sie es gewesen war, die ihn fr diese gef„hrliche Aufgebe gewonnen hatte. Auch hatte sie erkundet, wer in dieser Verwaltung nach einem gelungenen Attentat auf der Seite der Nazis stehen wrde und wer sich loyal verhalten wrde.Und auch den Kontakt zu dem Kommandeur eines Regiments sollte sie herstellen, das direkt dem Befehl von Berlin unterstand.

In einem Vortrag 1985 in Oxford charakterisierte Marion Gr„fin D”nhoff die Gruppe um Stauffenberg so: "Es ist wichtig, sich vor Augen zu halten, dass die Opposition gegen Hitler ja keine Revolte im Sinne einer politischen Revolution war und auch keine Arbeitererhebung im Sinne einer sozialen Revolution - es war vielmehr der Aufstand hoher und h”chster Beamter sowie angesehener Pers”nlichkeiten des ”ffentlichen Lebens, die aus moralischen Grnden den Verbrechern in den Arm zu fallen versuchen. Denn das war sehr bald klar geworden: Ein totalit„res System kann im Frieden nur von innen bek„mpft werden; und Erfolg kann ein solches Unterfangen nur haben, wenn auch Leute, die an den Schaltstellen der Macht sitzen, zum Widerstand geh”ren."

Nach dem Scheitern des Attentats begann die Verfolgung aller an der Verschw”rung Beteiligten. Im Zuge zahlloser Verhaftungen geriet auch Marion Gr„fin D”nhoff unter Verdacht. Ihr Onkel, ein berzeugter Nazi, hatte sie in K”nigsberg angezeigt. Er hatte ber l„ngere Zeit dafr gesorgt, dass die Post der Gr„fin berwacht worden war. Nun tauchten darin die Namen vieler der aktiven Verschw”rer auf, die sie pers”nlich kannte. Als zwei Beamte der Gestapo zu ihr auf dem Weg waren, kam ihr ein Zufall zur Hilfe. Der Wagen der Gestapoleute hatte Defekt, so dass sie beim Forstmeister Unterkunft nahmen. Der gab der Gr„fin offensichtlich ein gutes Zeugnis, wie auch die Angestellten des Gutes, die sp„ter befragt wurden. Trotzdem nahmen die Gestapom„nner die Gr„fin mit nach K”nigsberg, wo sie mehrere Stunden verh”rt wurde. Dabei hatte sie mehrfach Glck. Zum einen stand ihr Name auf keiner der gefundenen Listen, wo man die geplanten Aufgaben der Verschw”rer nach dem geklungenen Attentat notiert hatte. Zum anderen konnte sie die Glaubwrdigkeit des Onkels, der sie denunziert hatte, erschttern, da er seit l„ngerem gegen die Familie D”nhoff Prozesse gefhrt und verloren hatte.

So kam die Gr„fin nach mehreren Stunden wieder frei und blieb es auch. 

1945 beim Einmarsch der russischen Truppen musste Marion Gr„fin D”nhoff die Gter in Ostpreuáen verlassen. Sie floh zu Pferd in Richtung Westen und kam schlieálich bis Hamburg. Ihr Schloss Friedrichstein wurde vollst„ndig zerst”rt.

Gleich nach Kriegsende engagierte sich die Gr„fin fr eine wahrheitsgem„áe Aufarbeitung der Geschehnisse in Deutschland. Sie wollte sowohl ber den Nationalsozialismus aufkl„ren als auch darauf, dass es einen deutschen Widerstand gab. Das war um so wichtiger, als auch die Amerikaner und Engl„nder nichts vom Widerstand der Gruppe um Stauffenberg wissen wollten. Schon w„hrend der Nazizeit hatten sie alle Kontakte, die deutsche Diplomaten gesucht hatten, die gegen Hitler waren, abgeblockt. Und nach dem 20. Juli 1944 bewertete man in den USA und in England die Gruppe um Stauffenberg fast in der gleichen Weise wie die Nazis. In Washington hatte man noch am Abend des 20. Juli 1944 genau dieselbe Formel wiederholt, die der SS-Chef Heinrich Himmler verkndet hatte; dass es sich um ein "kleine Gruppe ehrgeiziger Offiziere“ gehandelt h„tte. Und in England erkl„rte Churchill, dass es sich beim 20. Juli um "Ausrottungsk„mpfe unter den Wrdentr„gern des 3. Reiches“ gehandelt h„tte. Die amerikanische Zeitung New York Times schrieb am 9. August 1944 sogar, das Attentat erinnere an die "Verbrecherwelt“.

Marion D”nhoff kritisierte das einseitige Deutschlandbild der Alliierten, das die Existenz eines deutschen Widerstands leugnete. Gleich nach Kriegsende verfasste sie einen Bericht, ein "Memoriam“ fr die Angeh”rigen der hingerichteten Verschw”rer. Davon gab es allerdings nur 300 Exemplare. Sie war der Meinung, "dass bei der der strengen Geheimhaltung, die im Kreise der Verschw”rer gebt werden musste, in einigen Familien vielleicht nicht bekannt sei, was ihre immer wieder als Verr„ter verleumdeten Angeh”rigen wirklich getan haben.“ Die Gr„fin wollte von Anfang an die Erinnerung an die M„nner des 20. Juli wach halten, auch als man das in der deutschen ™ffentlichkeit noch gar nicht gerne sah. So schrieb sie bereits am 18. Juli 1946 in der Zeitung: "Fr die politische Geschichte mag entscheidend sein, dass das Attentat misslang. Fr das deutsche Volk und seine geistige Geschichte ist wichtig, dass es diese M„nner gegeben hat." Gemeinsam mit dem sp„teren Bundespr„sidenten Richard von Weizs„cker und einem der wenigen šberlebenden aus dem Kreis der Verschw”rer, Axel Bussche, reiste Marion D”nhoff nach Nrnberg, um den Nrnberger Kriegsverbrecher-Prozessen teilzunehmen.

Seit 1946 arbeitete die Gr„fin bei der Hamburger Wochenzeitung DIE ZEIT. Zuerst war sie freie Mitarbeiterin, dann wurde sie Ressortleiterin fr Politik und stellvertretende    Chefredakteurin der ZEIT. Sie war eine scharfe Kritikerin der Politik Konrad Adenauers und trat fr eine vers”hnende Ost-Politik und die deutsche Wiedervereinigung ein.

Seit 1968 arbeitete sie als Chefredakteurin der ZEIT. 1972 wurde sie Herausgeberin der Wochenzeitung. So blieb sie ihr ganzes Leben nach Kriegsende mit dieser liberalen Zeitung verbunden, deren Richtung sie entscheidend gepr„gt hat. Von ihrem Beruf als Journalistin hatte sie eine sehr hohe Meinung. Ein guter Journalist sollte neugierig und offen sein, also ohne Vorurteile, objektiv und nicht an fremde Interessen gebundenen, er msse sich der Verantwortung seines Berufes bewusst sein, kurz: "ein engagierter Sprhund auf der Suche nach der Wahrheit."

Marion Gr„fin D”nhoff verstand sich immer als eine Liberale, aber nicht im Sinne einer Parteifrau, sondern einer kritischen und toleranten Person. Als Liberale, so sagte sie einmal, sitzt man meist zwischen allen Sthlen, weil man es niemand recht machen kann. Ein gutes Beispiel fr diese ihre Haltung war der Aufruf "Weil das Land sich „ndern muss“, den sie mit einigen anderen 1992 initiiert hatte und dessen Text bis heute nichts an Gltigkeit verloren hat. Darin heiát es: "Nein und abermals nein: So haben wir uns weder die Bundesrepublik nach vier Jahrzehnten noch das befreite, endlich wiedervereinigte Deutschland vorgestellt. Wir haben gehofft, das Ende der DDR, dieser langersehnte, einzigartige Moment, werde eine allgemeine Aufbruchstimmung zeitigen. Statt dessen macht sich resignierende Unlust breit....

Es ist, als rase die Geschichte wie ein ungesteuerter, reiáender Fluá an uns vorber, w„hrend wir, die am Ufer stehen, die bange Frage stellen, wohin er wohl fhrt. Jeder hat den Wunsch, dass darber nachgedacht wird, wie es vermutlich in zehn Jahren in der Welt aussehen wird, vielmehr aussehen soll, und was wir tun mssen, um dorthin zu gelangen. Aber niemand hat ein Konzept. Alle sind gleichermaáen ratlos, keiner scheint sich ber die obwaltenden Tatsachen Rechenschaft zu geben, weder in der Welt noch bei uns zu Haus. Wir alle mssen uns „ndern. Ein Wandel der Maást„be ist notwendig... Das Gemeinwohl muá wieder an die erste Stelle rcken...

Wir haben es satt, in einer Raffgesellschaft zu leben, in der Korruption nicht mehr die Ausnahme ist und in der sich allzu vieles nur ums Geldverdienen dreht. Es gibt Wichtigeres im Leben des einzelnen wie auch im Leben der Nation."

1992 wurde im ehemaligen K”nigsberg, dem heutigen Kaliningrad, der Geburtsstadt des groáen deutschen Philosophen Immanuel Kant, das von Marion Gr„fin D”nhoff gestiftete neue Kant-Denkmal enthllt. Die Wiederbeschaffung dieses Denkmals bezeichnete sie als die einzige wesentliche Tat ihres Lebens.

Neben ihren Artikeln in der ZEIT hat Marion D”nhoff eine Vielzahl von Bchern ver”ffentlicht. Dazu geh”ren zum Beispiel "Namen, die keiner mehr kennt: Ostpreuáen, Menschen und Geschichte“; "Menschen, die wissen, worum es geht; Kommentare zu 40 Jahren amerikanischer Auáen- und Innenpolitik“: "Amerikanische Wechselb„der“; "Weit ist der Weg nach Osten“; "Preuáen - Maá und Maálosigkeit“; "Kindheit in Ostpreuáen“ und "Um der Ehre willen“. Nach ihrem Tod erschienen 2002 Texte unter dem Titel "Was mir wichtig war“.

Seit den siebziger Jahren erhielt Marion Gr„fin D”nhoff viele Ehrungen. Dazu geh”rten 1971 der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, 1988 der Heinrich-Heine-Preis der Stadt Dsseldorf, 1966 den Erich-K„stner-Preis vom Presseclub in Dresden, 1998 in Schweden den  Pax-Baltica-Preis, 1999 den Bruno-Kreisky-Preis und 2001 den Europ„ischen St. Ulrich Preis. Sie wurde Ehrendoktor der Kaliningrader Universit„t und Ehrenbrgerin der Stadt Hamburg.

1996 sagte sie in einer Rede vor polnischen Abiturienten: "Mein Leben hat sich in einem an Katastrophen reichen Jahrhundert abgespielt, wie es sich sicherlich nicht wiederholen wird: Zwei Weltkriege, der Holocaust und dann Hitler und Stalin. Ihr werde es im neuen Jahrhundert besser haben."

 Ihr selbst blieb auch am Ende nichts erspart. An Krebs erkrankt, musste sie sich mehreren Operationen unterziehen. Sie starb am 11. M„rz 2002 im Alter von 92 Jahren auf Schloss Crottorf.