Erkl├Ąrung der Hochschullehrer des Deutschen Reiches

(16.10.1914)

Wir Lehrer an Deutschlands Universit├Ąten und Hochschulen dienen der Wissenschaft und treiben ein Werk des Friedens. Aber es erf├╝llt uns mit Entr├╝stung, dass die Feinde Deutschlands, England an der Spitze, angeblich zu unsern Gunsten einen Gegensatz machen wollen zwischen dem Geiste der deutschen Wissenschaft und dem, was sie den preu├čischen Militarismus nennen. In dem deutschen Heere ist kein anderer Geist als in dem Deutschen Volke, denn beide sind eins, und wir geh├Âren auch dazu. Unser Heer pflegt auch die Wissenschaft und dankt ihr nicht zum wenigsten seine Leistungen. Der Dienst im Heere macht unsere Jugend t├╝chtig auch f├╝r alle Werke des Friedens, auch f├╝r die Wissenschaft. Denn er erzieht zu selbstentsagender Pflichttreue und verleiht ihr das Selbstbewusstsein und das Ehrgef├╝hl des wahrhaft freien Mannes, der sich willig dem Ganzen unterordnet. Dieser Geist lebt nicht nur in Preu├čen, sondern ist derselbe in allen Landen des Deutschen Reiches. Er ist der gleiche in Krieg und Frieden. Jetzt steht unser Heer im Kampfe f├╝r Deutschlands Freiheit und damit f├╝r alle G├╝ter des Friedens und der Gesittung nicht nur in Deutschland. Unser Glaube ist, dass f├╝r die ganze Kultur Europas das Heil an dem Siege h├Ąngt, den der deutsche ÔÇÜMilitarismus’ erk├Ąmpfen wird, die Manneszucht, die Treue, der Opfermut des eintr├Ąchtigen freien Volkes.“

Diese Erkl├Ąrung wurde von dem Altphilologen Ulrich von Wilamowitz-Moellendorf (1848-1931), Professor an der Berliner Universit├Ąt, verfasst und von 3016 Hochschullehrern unterzeichnet.

(Aufrufe und Reden deutscher Professoren im Ersten Weltkrieg. Stuttgart 1975, S. 49/50)

 

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ÔÇ×Seeberg-Adresse“ oder auch ÔÇ×Intellektuelleneingabe“ (Ausz├╝ge)

(20.6.1915)

 ÔÇ×Das deutsche Volk und sein Kaiser haben 44 Jahre den Frieden gewahrt, gewahrt zuletzt bis an die Grenze der nationalen Ehre und Daseinserhaltung...

Da haben wir Deutschen, einm├╝tig vom H├Âchsten bis zum Geringsten, uns erhoben in dem Bewusstsein, nicht nur unser ├Ąu├čeres, sondern vor allem auch unser inneres, geistiges und sittliches Leben, Deutschlands und Europas Kultur verteidigen zu m├╝ssen gegen die Barbarenflut aus dem Osten und die Rache- und Herrschaftsgel├╝ste aus dem Westen....

Jetzt aber gen├╝gt uns... die blo├če Abwehr nicht mehr.... Nunmehr wollen wir gegen eine Wiederholung eines solchen ├ťberfalles von allen Seiten, wir wollen gegen eine ganze Kette von Kriegen, wider etwa von neuem erstarkende Feinde mit allen Kr├Ąften uns sch├╝tzen. Und wir wollen uns so fest und so breit auf gesicherten und vergr├Â├čerten Heimatboden stellen, dass unsere unabh├Ąngige Existenz auf Geschlechter hinaus gew├Ąhrleistet ist.....

Ganz gewi├č nicht Weltherrschaft, aber volle, der Gr├Â├če unserer kulturellen, wirtschaftlichen und kriegerischen Kr├Ąfte entsprechende Weltgeltung wollen wir.....

1.Frankreich -... Wir m├╝ssen dieses Land um unseres eigenen Daseins willen politisch und wirtschaftlich r├╝cksichtslos schw├Ąchen und unsere milit├Ąrisch-strategische Lage ihm gegen├╝ber verbessern....

2. Belgien – Belgien... m├╝ssen wir... politisch-milit├Ąrisch und wirtschaftlich fest in der Hand halten...

3. Russland - ... Grenzwall und Grundlage zur Wahrung unseres Volkswachstums aber bietet Land, das Russland abtreten mu├č....

4. England, Orient, Kolonien und ├ťbersee. - ... Durchsetzung in der Weltwirtschaft, Durchsetzung der deutschen See- und ├ťberseegeltung gegen England...

5. Kriegsentsch├Ądigung...

6. Keine Kulturpolitik ohne Machtpolitik. -... Die Sorge um den deutschen Geist geh├Ârt nicht unter die Kriegsziele und nicht in die Friedensbedingungen.

Sollen wir aber ein Wort ├╝ber den deutschen Geist sagen, der uns allerdings der Wert aller nationalen Werte, das Gut aller nationalen G├╝ter, der Sinn des Bestehens, Behauptens und Durchsetzens unseres Volkes in der Welt und die Ursache seiner ├ťberlegenheit unter den V├Âlkern ist, so betonen wir zun├Ąchst: zuerst mu├č Deutschland politisch und wirtschaftlich gesichert leben, ehe es seinem geistigen Berufe in Freiheit nachgehen kann. Sodann, wer den deutschen Geist ohne Machtpolitik, wer die sogenannte blo├če Kulturpolitik will, dem rufen wir zu:

Wir wollen keine deutschen Geist, welcher in Gefahr steht, zersetzt und zersetzend zu werden als ein wurzelloser Volksgeist...Wir wollen mit unseren Forderungen dem deutschen Geiste den gesunden K├Ârper schaffen.“

Der Theologe Reinhard Seeberg (1859-1935), Professor und 1918/19 auch Rektor an der Berliner Universit├Ąt, verfasste diese Eingabe an den Reichskanzler Bethmann Hollweg. Sie enth├Ąlt unverh├╝llt die Kriegsziele der annexionistischen Kreise und wurde von 352 Hochschullehrern unterzeichnet.

(Aufrufe und Reden deutscher Professoren im Ersten Weltkrieg. Stuttgart 1975, S.125-135)

 

Petition von Hans Delbr├╝ck

 (9.7.1915)

 ÔÇ×Deutschland ist in den Krieg nicht mit der Absicht auf Eroberung gegangen, sondern zur Erhaltung seines von der feindlichen Koalition bedrohten Daseins, seiner nationalen Einheit und seiner fortschreitenden Entwicklung. Nur was diesem Ziel dient, darf Deutschland auch bei einem Friedensschlu├č verfolgen. Eingaben, welcher Euer Exzellenz zugegangen sind, versto├čen gegen diese Ziele. Wir halten daher f├╝r unsere Pflicht, diesen Bestrebungen mit aller Entschiedenheit entgegenzutreten und offen auszusprechen, dass wir in ihrer Verwirklichung einen folgenschweren politischen Fehler und nicht eine St├Ąrkung des deutschen Reiches sehen w├╝rden.

In rein sachlicher Erw├Ągung bekennen wir uns zu dem Grundsatz, dass die Einverlebung oder Angliederung politisch selbst├Ąndiger und an Selbst├Ąndigkeit gew├Âhnter V├Âlker zu verwerfen ist. Das deutsche Reich ist hervorgegangen aus dem Gedanken der nationalen Einheit, der nationalen Zusammengeh├Ârigkeit. Es har nationalfremde Elemente nur langsam und noch unvollkommen mit sich verschmolzen, und wir wollen uns weder durch Ereignisse noch durch Personen , noch durch leicht erzeugbare Stimmungen dazu dr├Ąngen lassen, die leitenden Grundlinien der Reichssch├Âpfung aufzugeben und zu ver├Ąndern und den Charakter des Nationalstaates zu zerst├Âren.....“

Die Eingabe an den Reichskanzler Bethmann Hollweg richtete sich gegen die Seeberg-Adresse; sie wurde von dem Historiker Hans Delbr├╝ck (1848-1929), Professor an der Berliner Universit├Ąt, verfasst und in der Mittwochsgesellschaft diskutiert. Unterzeichnet wurde sie von etwa 70 Professoren.

(Aufrufe und Reden deutscher Professoren im Ersten Weltkrieg. Stuttgart 1975, S. 135-136)

 

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Heinrich Mann hatte sich 1937 bem├╝ht, innerhalb der Volksfront eine selbst├Ąndige Gruppierung von Intellektuellen zu schaffen. Dieser Versuch misslang.

Rundschreiben vom September 1937

Verehrter Herr,

erlauben Sie mir einige Worte, die, wie ich hoffe, im Interesse der deutschen Opposition liegen. Ihren Vertretern aus den geistigen Berufen k├Ąme weit gr├Â├čere Bedeutung zu als die bisher sichtbare. Sie sind f├╝r den deutschen Freiheitskampf unentbehrlich.

Nun haben einzelne Intellektuelle nicht bis heute gewartet, um Stellung zu nehmen: sie haben sich dieser oder jener Gruppe der Opposition angeschlossen. Aber bisher ist das Wesentliche vers├Ąumt worden: die Verst├Ąndigung untereinander. Gemeinsam festegestellte Ideen werden eine bedeutende Kraft aus├╝ben – nicht, um die anderen Teile der Opposition zu bek├Ąmpfen, obwohl nat├╝rlich auch dies schon versucht wird. Deutsche, besonders die links gerichteten Deutschen, denken leider zuerst an das, was sie zu trennen scheint, bevor sie ernsthaft gegen den Feind aller vorgehen.

Nach R├╝cksprache mit einigen Freunden schlage ich vor, eine Gruppe oder Vereinigung intellektueller und b├╝rgerlicher Anh├Ąnger eines befreiten Deutschlands zu schaffen – eine nichtproletarische Gruppe, die bereit ist, in einer breiten Volksfront mitzuarbeiten. Die Volksfront umfasst bis jetzt neben den Vertretern der Arbeiterparteien, der Gewerkschaften, der christlichen Konfessionen, der Jugend und der Frauenorganisationen die b├╝rgerlichen Intellektuellen nur als Einzelpersonen. Erst der Auftrag einer Gesamtheit wird ihnen die Gleichberechtigung und den geb├╝hrenden Einflu├č in der Volksfront sichern.

Praktisch k├Ânnte man sich die Verwirklichung dieser Aufgabe folgenderma├čen vorstellen:

    • Es wird ein erster Kern dieser Gruppe geschaffen aus den Freunden, deren Gesamteinstellung ihren Anschlu├č an die Bewegung wahrscheinlich macht...
    • Jeder Freund, der zum Kern der Gruppe geh├Ârt, ├╝bernimmt es, einige Freunde f├╝r die breitere Gruppe in Vorschlag zu bringen und sie daf├╝r zu gewinnen. Auf diese Weise werden die geistigen Kr├Ąfte, die sonst isoliert und ohne Einflu├č blieben, sich selbst und dem neuen Deutschland auf das wertvollste dienen.
    • Nachdem eine Anzahl Freunde sich grunds├Ątzlich bereit erkl├Ąrt haben mitzuarbeiten, soll gemeinschaftlich eine kurze Vereinbarung der Gruppe ├╝ber die gro├čen Zeitfragen getroffen werden. Ihr wichtigster Inhalt, neben der Unterst├╝tzung des gerechten sozialen Befreiungskampfes der Massen, mu├č eine Synthese von Sozialismus und Demokratie bei Sicherung der gr├Â├čten Freiheiten des Individuums sein.

Nicht um den Beschl├╝ssen der gedachten Konferenz vorzugreifen, nur zur Aufkl├Ąrung ├╝ber die Absichten, die den Versuch einer Vereinigung unabh├Ąngiger Intellektueller innerhalb der Volksfront herbeigef├╝hrt haben, erlaube ich mir, diese Grunds├Ątze aufzustellen:

    • Die Unabh├Ąngigkeit der Gruppe und ihrer Mitglieder von jeder politischen Partei.
    • Das Bekenntnis zur praktischen Politik – so verstanden, dass keiner der Teile des werkt├Ątigen Volkes und seiner Volksfront abgelehnt wird. ÔÇÜAntikommunismus’ besonders w├╝rde jeden Befreiungskampf der Deutschen vergeblich machen. Die Tatsache besteht, dass gro├če Massen der Deutschen, die nach Freiheit verlangen, sich Kommunisten nennen. ├ťbrigens k├Ânnen sie in Wirklichkeit die Diktatur einer Klasse unm├Âglich wollen: sie k├Ąmpfen f├╝r die Freiheit aus guten Gr├╝nden, man darf ihnen glauben. Der sogenannte Antikommunismus ist utopisch, die Feindschaft gegen die Sowjetunion ist es ebenso sehr. Kein Volk wird, wie die Welt jetzt aussieht, mit Erfolg f├╝r seine Freiheit k├Ąmpfen, es h├Ątte denn in seinem R├╝cken die Macht der Union.
    • Materielle Unabh├Ąngigkeit der Intellektuellen-Gruppe von der KPD wie von jeder anderen Organisation. Jeder aussichtsreiche Schritt, um f├╝r unsere Sache die ben├Âtigten Geldmittel zu erlangen, wird unternommen werden...

Ich bitte Sie, verehrter Herr, zu erw├Ągen, dass Ihr Beitritt, den ich erhoffe, gerade in diesem Augenblick der antifaschistischen Sache den gr├Â├čten Nutzen br├Ąchte... Die Gruppe der Intellektuellen ist tats├Ąchlich die Forderung der Stunde.

Die Folgen im Ausland w├Ąren f├╝r die Gesamtopposition die g├╝nstigsten. Noch wichtiger ist, dass viele Deutsche den Mut zum Kampf gegen Hitler durch geistige Kl├Ąrung, geistigen Antrieb erst finden w├╝rden. Heute haben sie ihn darum nicht, weil sie keine Antwort finden auf die Frage: Was kommt danach?.....

    Ihnen ergeben

    Heinrich Mann“

(zitiert nach: Lion Feuchtwanger: Briefwechsel mit Freunden 1933 – 1958. Berlin und Weimar 1991, Band I, S. 321-324)

(312/313)

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Aufruf an die Deutschen (1942)

ÔÇ×Deutsche! Dieser Appell ist ein Rettungsruf, f├╝r alle und auch f├╝r euch, Deutsche. Ihr habt die Welt und euch selbst in ein Ungl├╝ck gest├╝rzt: es ├╝berschreitet jedes Ma├č. Bald ist es nicht mehr gutzumachen, es sei denn, dass ihr es beendet.

Ihr allein k├Ânnt den verderblichsten und sinnlosesten aller Kriege abbrechen. Alle anderen m├╝ssen bis auf das ├äu├čerste verteidigen, was ihr ist und wof├╝r sie leben: ihr Land und ihre Kinder, ihre Freiheit, ihre sittlichen und sozialen Errungenschaften. Das allein ist angegriffen worden. Der Angreifer ist euer F├╝hrer, dem ihr gehorcht habt bis in das augenscheinliche Verderben hinein. Es ist unm├Âglich, dass ihr sein Verbrechen noch l├Ąnger ├╝berseht.

Ihr k├Ânnt ihn zwingen abzutreten. So viel es euch kosten mag, viel teurer kommt es euch zu stehen, wenn ihr ihm weiter erlaubt, Tod und Vernichtung ├╝ber die ganze Erde zu verbreiten. Deutschland ist nicht ausgenommen; Deutschland teilt das Schicksal, dass es der Welt bereitet, und an den Folgen seiner Fehler w├Ąre sein eigener Anteil der furchtbarste.

Euch bleibt keine Wahl, ob ihr die Waffen niederlegen oder siegen wollt. Der Sieg ist nicht gegeben. Er wird euch weder erlaubt, noch seid ihr ihm gewachsen. Der Feldzug in Russland sollte es euch gezeigt haben. Die Niederlage eurer Heere gegen die kriegerischen Arbeiter und Bauern der Sowjetunion war verh├Ąngt und beschlossen: nicht erst seit dem Tage, als ihr in Russland einbracht. Schon als euer F├╝hrer, August 1939, seinen Krieg begann, war euer Misserfolg beschlossen und verh├Ąngt.

Welteroberungen misslingen immer. Man mu├č unwissend wie euer F├╝hrer sein oder verzweifelt wie er, um sich dar├╝ber noch zu t├Ąuschen. Jetzt habt ihr erfahren: etwas anderes ist, motorisiert durch verratene L├Ąnder zu jagen, und etwas anderes ist, ein Volk, das seine Erde heilig h├Ąlt, von ihr zu verdr├Ąngen. Ihr seht: man wird schneller zur├╝ckgeworfen, als man eingedrungen war. Jeder Eroberer findet zuletzt seinen Meister. Jeder falsche D├╝nkel begegnet endlich der Wahrheit.

Die Wahrheit ist, dass eure Niederlagen auf russischem Boden nie mehr einzuholen sind; dass sie sich eher verwandeln werden in Niederlagen auf deutschem Boden. Oder ihr k├╝ndigt vorher eurem F├╝hrer, der euch ins Verderben f├╝hrt, den Gehorsam.

Die Wahrheit ist, dass jeder Feind, der euch heute gegen├╝bersteht, den festen Willen hat, den deutschen Angriffen ein Ende zu machen. Das britische Reich hat den Willen. Die Vereinigten Staaten von Amerika haben den Willen. Beide gro├čen M├Ąchte haben auch die Kraft. Blickt auf die Rote Armee und erkennt, dass der Wille, einen Angreifer zu brechen, die Kraft ihn zu brechen mit einschlie├čt.

Die Wahrheit ist, dass ihr in den L├Ąndern Europas, die ihr f├╝r erobert haltet, verhasst seid. So sehr verhasst, ist man kein Sieger. So furchtbar verhasst, wie euer F├╝hrer euch gemacht hat, wird man die Unterwerfung der V├Âlker nie, ihre Mitarbeit nie, wird (man) nur ihre Rache kennen lernen.

F├╝rchtet nicht allein fremde Rache; f├╝rchtet euer Gewissen! Es spricht zu euch; hier wiederholen wir die Warnungen eures eigenen Gewissens. Ihr h├Ârt es. Ihr k├Ânnt nicht siegen, spricht euer Gewissen; denn euer F├╝hrer ist schlecht.

Euer F├╝hrer ist der t├╝ckische Vernichter der Menschen; und da ihr Menschen seid, vernichtet er euch. Zuerst euch opfert er, zahllos und ohne Bedenken. Bedacht hat er nie, was er tat. Euch verbietet er zu denken; denn er selbst kann nicht denken, nur l├╝gen.

Heute, nach aller begangener Gewalt, fragt euer F├╝hrer, warum man sein System zerst├Âren wolle, er dr├Ąnge es doch keinem auf! Aber er hat gar kein System. Was er der ganzen Welt aufdr├Ąngen m├Âchte, ist seine nichtsw├╝rdige Person allein: ein Wesen, gemacht aus Bosheit und Dummheit. Ihr habt es zu lange ertragen.

├ťberw├Ąltigt euren F├╝hrer, der euch, mit Ha├č und Unehre beladen, ins Verderben f├╝hrt. Vollbringt in der ├Ąu├čersten Stunde das einzige, was euch freisteht, um die Menschheit, die euch niemals als Feind haben wollte, vielleicht zu vers├Âhnen; das einzige, was Deutschland retten kann.

Los Angeles, den 9. Februar 1942

Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger, Bertolt Brecht“

(zuerst erschienen in der Prawda , Moskau v. 23.3.1942; eine gek├╝rzte Fassung in Aufbau, New York v. 10.4.1942)

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Wolf Biermann war und ist ein unbequemer Dichter – das hat er mit vielen Dichtern der Vergangenheit gemein. Unser sozialistischer Staat, eingedenk der Worte aus MarxensÔÇÜ 18. Brumaire’, demzufolge die proletarische Revolution sich unabl├Ąssig selbst kritisiert, m├╝sste im Gegensatz zu anachronistischen Gesellschaftsformen eine solche Unbequemlichkeit gelassen nachdenkend ertragen k├Ânnen. Wir identifizieren uns nicht mit jedem Wort und jeder Handlung Wolf Biermanns und distanzieren uns von den Versuchen, die Vorg├Ąnge um Biermann gegen die DDR zu missbrauchen. Biermann selbst hat nie, auch nicht in K├Âln, Zweifel dar├╝ber gelassen, f├╝r welchen der beiden deutschen Staaten er bei aller Kritik eintritt. Wir protestieren gegen seine Ausb├╝rgerung und bitten darum, die beschlossene Ma├čnahme zu ├╝berdenken.

Berlin, den 17. November 1976

Zu den Erstunterzeichnern geh├Ârten Sarah Kirch, Christa Wolf, Volker Braun, Franz F├╝hmann, Stephan Hermlin, Stefan Heym, G├╝nter Kunert, Heiner M├╝ller, Gerhard Wolf, Jurek Becker und Erich Arendt.

An folgenden Tagen unterschrieb u.a. Jutta Hoffmann, Ulrich Plenzdorf, Rolf Ludwig, K├Ąthe Reichel, Nina Hagen, Eva-Maria Hagen, Angelica Domr├Âse, Hilmar Thate.

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ÔÇ×An die Kulturwelt“

(Zuerst ver├Âffentlicht im ÔÇ×Berliner Tageblatt“ v. 4. Oktober 1914)

ÔÇ×Wir als Vertreter deutscher Wissenschaft und Kunst erheben vor der gesamten Kulturwelt Protest gegen die L├╝gen und Verleumdungen, mit denen unsere Feinde Deutschlands reine Sache in dem ihm aufgezwungenen schweren Daseinskampf zu beschmutzen trachten. Der eherne Mund der Ereignisse hat die Ausstreuung erdichteter deutscher Niederlagen widerlegt. Um so eifriger arbeitet man jetzt mit Entstellungen und Verd├Ąchtigungen. Gegen sie erheben wir laut unsere Stimme. Sie soll die Verk├╝nderin der Wahrheit sein. 

Es ist nicht wahr, da├č Deutschland diesen Krieg verschuldet hat. Weder das Volk hat ihn gewollt noch die Regierung, noch der Kaiser. Von deutscher Seite ist das Aeu├čerste geschehen, ihn abzuwenden. Daf├╝r liegen der Welt die urkundlichen Beweise vor. Oft genug hat Wilhelm II. in den 26 Jahren seiner Regierung sich als Schirmherr des Weltfriedens erwiesen; oft genug haben selbst unsere Gegner dies anerkannt. Ja, dieser n├Ąmliche Kaiser, den sie jetzt einen Attila zu nennen wagen, ist jahrzehntelang wegen seiner unersch├╝tterlichen Friedensliebe von ihnen verspottet worden. Erst als eine schon lange an den grenzen lauernde ├ťbermacht von drei Seiten ├╝ber unser Volk herfiel, hat es sich erhoben wie ein Mann.

Es ist nicht wahr, da├č wir freventlich die Neutralit├Ąt Belgiens verletzt haben. Nachweislich waren Frankreich und England zu ihrer Verletzung entschlossen. Nachweislich war Belgien damit einverstanden. Selbstvernichtung w├Ąre es gewesen, ihnen nicht zuvorzukommen.

Es ist nicht wahr, da├č eines einzigen belgischen B├╝rgers Leben und Eigentum von unseren Soldaten angetastet worden ist, ohne da├č die bitterste Notwehr es gebot. Denn wieder und immer wieder, allen Mahnungen zum Trotz, hat die Bev├Âlkerung sie aus dem Hinterhalt beschossen, Verwundete verst├╝mmelt, Aerzte bei der Aus├╝bung ihres Samariterwerkes ermordet. Man kann nicht niedertr├Ąchtiger f├Ąlschen, als wenn man die Verbrechen dieser Meuchelm├Ârder verschweigt, um die gerechte Strafe, die sie erlitten haben, den Deutschen zum Verbrechen zu machen.

Es ist nicht wahr, da├č unsere Truppen brutal gegen L├Âwen gew├╝tet haben. An einer rasenden Einwohnerschaft, die sie im Quartier heimt├╝ckisch ├╝berfiel, haben sie durch Beschie├čung eines Teils der Stadt schweren Herzens Vergeltung ├╝ben m├╝ssen. Der gr├Â├čte Teil von L├Âwen ist erhalten geblieben. Das ber├╝hmte Rathaus steht g├Ąnzlich unversehrt. Mit Selbstaufopferung haben unsere Soldaten es vor den Flammen bewahrt. - Sollten in diesem furchtbaren Kriege Kunstwerke zerst├Ârt worden sein oder noch zerst├Ârt werden, so w├╝rde jeder Deutsche es beklagen. Aber so wenig wir uns in der Liebe zur Kunst von irgend jemand ├╝bertreffen lassen, so entschieden lehnen wir es ab, die Erhaltung eines Kunstwerkes mit einer deutschen Niederlage zu erkaufen.

Es ist nicht wahr, da├č unsere Kriegf├╝hrung die Gesetze des V├Âlkerrechts mi├čachtet. Sie kennt keine zuchtlose Grausamkeit. Im Osten aber tr├Ąnkt das Blut der von russischen Horden hingeschlachteten Frauen und Kinder die Erde, und im Westen zerrei├čen Dum-Dum-Geschosse unseren Kriegern die Brust. Sich als Verteidiger europ├Ąischer Zivilisation zu geb├Ąrden, haben die am wenigsten das Recht, die sich mit Russen und Serben verb├╝nden und der Welt das schmachvolle Schauspiel bieten, Mongolen und Neger auf die wei├če Rasse zu hetzen. Es ist nicht wahr, da├č der Kampf gegen unseren sogenannten Militarismus kein Kampf gegen unsere Kultur ist, wie unsere Feinde heuchlerisch vorgeben. Ohne den deutschen Militarismus w├Ąre die deutsche Kultur l├Ąngst vom Erdboden getilgt. Zu ihrem Schutz ist er aus ihr hervorgegangen in einem Lande, das jahrhundertelang von Raubz├╝gen heimgesucht wurde wie kein zweites. Deutsche Heer und deutsches Volk sind eins. Dieses Bewu├čtsein verbr├╝dert heute 70 Millionen Deutsche ohne Unterschied der Bildung, des Standes und der Partei.

Wir k├Ânnen die vergifteten Waffen der L├╝ge unseren Feinden nicht entwinden. Wir k├Ânnen nur in alle Welt hinausrufen, da├č sie falsches Zeugnis ablegen wider uns. Euch, die ihr uns kennt, die ihr bisher gemeinsam mit uns den h├Âchsten Besitz der Menschheit geh├╝tet haben, euch rufen wir zu: Glaubt uns! Glaubt, da├č wir diesen Kampf zu Ende k├Ąmpfen werden als ein Kulturvolk, dem das Verm├Ąchtnis eines Goethe, eines Beethoven, eines Kant ebenso heilig ist wie sein Herd und seine Scholle. Daf├╝r stehen wir euch ein mit unserem Namen und unserer Ehre!“

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F├╝r unser Land

Appell vom 26. November 1989

Unser Land steckt in einer tiefen Krise. Wie wir bisher gelebt haben, k├Ânnen und wollen wir nicht mehr leben. Die F├╝hrung einer Partei hatte sich die Herrschaft ├╝ber das Volk und seine Vertretungen angema├čt, vom Stalinismus gepr├Ągte Strukturen hatten alle Lebensbereiche durchdrungen. Gewaltfrei durch Massendemonstrationen hat das Volk den Proze├č der revolution├Ąren Erneuerung erzwungen, der sich in atemberaubender Geschwindigkeit vollzieht. Uns bleibt nur wenig Zeit, auf die verschiedenen M├Âglichkeiten Einflu├č zu nehmen, die sich als Auswege aus der Krise anbieten.

Entweder k├Ânnen wir auf der Eigenst├Ąndigkeit der DDR bestehen und versuchen, mit allen unseren Kr├Ąften und die Zusammenarbeit mit denjenigen Staaten und Interessengruppen, die dazu bereit sind, in unserem Land eine solidarische Gesellschaft zu entwickeln in der Frieden und soziale Gerechtigkeit, Freiheit des einzelnen, Freiz├╝gigkeit aller und die Bewahrung der Umwelt gew├Ąhrleistet sind.

Oder wir m├╝ssen dulden, da├č, veranla├čt durch starke ├Âkonomische Zw├Ąnge und durch unzumutbare Bedingungen, an die einflu├čreiche Kreise aus Wirtschaft und Politik in der Bundesrepublik ihre Hilfe f├╝r die DDR kn├╝pfen, ein Ausverkauf unserer materiellen und moralischen Werte beginnt und ├╝ber kurz und lang die Deutsche Demokratische Republik durch die Bundesrepublik vereinnahmt wird.

La├čt uns den ersten Weg gehen. Noch haben wir die Chance, in gleichberechtigter Nachbarschaft zu allen Staaten Europas eine sozialistische Alternative zur Bundesrepublik zu entwickeln. Noch k├Ânnen wir uns besinnen auf die antifaschistischen und humanistischen Ideale, von denen wir einst ausgegangen sind. Alle B├╝rgerinnen und B├╝rger, die unsere Hoffnung und unsere Sorge teilen, rufen wir auf, sich diesem Appell durch ihre Unterschrift anzuschlie├čen.

Berlin, den 26. November 1989

Zu den Erstunterzeichnern geh├Ârten u.a. der Kommunalpolitiker Wolfgang Berghofer, der Regisseur Frank Beyer, der Generalsuperintendent G├╝nter Krusche, die Rocks├Ąngerin Tamara Danz, die Schriftsteller Volker Braun, Stefan Heym und Christa Wolf, der Pfarrer Friedrich Schorlemmer, die Schauspielerin Jutta Wachowiak und der Filmemacher Konrad Weiss

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Zum V├Âlkerkongress f├╝r den Frieden

Wien 1952

ÔÇ×Das Ged├Ąchtnis der Menschheit f├╝r erduldete Leiden ist erstaunlich kurz. Ihre Vorstellungsgabe f├╝r kommende Leiden ist fast noch geringer. Die Beschreibungen, die der New Yorker von den Gr├Ąueln der Atombombe erhielt, schreckten ihn anscheinend nur wenig. Der Hamburger ist noch umringt von Ruinen, und doch z├Âgert er, die Hand gegen einen neuen Krieg zu erheben. Die weltweiten Schrecken der vierziger Jahre scheinen vergessen. Der Regen von gestern macht uns nicht nass, sagen viele.

Diese Abgestumpftheit ist es, die wir zu bek├Ąmpfen haben, ihr ├Ąu├čerster Grad ist der Tod. Allzu viele kommen uns schon heute vor wie Tote, wie Leute, die schon hinter sich haben, was sie vor sich haben, so wenig tun sie dagegen.

Und doch wird nichts mich davon ├╝berzeugen, dass es aussichtslos ist, der Vernunft gegen ihre Feinde beizustehen. Lasst uns das tausendmal Gesagte immer wieder sagen, damit es nicht einmal zu wenig gesagt wurde! Lasst uns die Warnungen erneuern, und wenn sie schon wie Asche in unserem Mund sind! Denn der Menschheit drohen Kriege, gegen welche die vergangenen wie armselige Versuche sind, und sie werden kommen ohne Zweifel, wenn denen, die sie in aller ├ľffentlichkeit vorbereiten, nicht die H├Ąnde zerschlagen werden.“

Bert Brecht

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Unabh├Ąngigkeits-Erkl├Ąrung des Geistes (1919)

Wir – einst Kameraden in der Arbeit, am Geiste – sind seit f├╝nf Jahren hier auf Erden einsam geworden, getrennt durch Armeen, Zensurvorschriften und den Ha├č der kriegf├╝hrenden V├Âlker. Aber heute, da die Schranken fallen, und die grenzen sich langsam wieder ├Âffnen, wenden wir uns an Euch mit dem bittenden Ruf, unsere einstige Genossenschaft wieder herzustellen! – Aber in neuer Form – sicherer und widerstandsf├Ąhiger als fr├╝her.

Der Krieg hatte Verwirrung in unsere Reihen betragen. Fast alle Intellektuellen haben ihre Wissenschaft, ihre Kunst und ihr ganzes Denken in den Dienst der kriegf├╝hrenden Obrigkeit gestellt. Wir klagen niemanden an und wollen keinen Vorwurf erheben; zu gut kennen wir die Widerstandslosigkeit des Einzelnen gegen├╝ber der elementaren Kraft von Massenvorstellungen, die umso leichter alles hinwegschwemmten, als da keine Institutionen vorhanden waren, an die man sich h├Ątte klammern k├Ânnen. F├╝r die Zukunft jedoch k├Ânnten und sollten wir aus dem Geschehenen lernen.

Dazu aber ist es gut, sich an den Zusammenbruch zu erinnern, den die fast restlose Abdankung der Intelligenz in der ganzen Welt verschuldet hat. Die Denker und Dichter beugten sich knechtisch vor dem G├Âtzen des Tages und f├╝gten dadurch zu den Flammen, die Europa an Leib und Seele verbrannten, unausl├Âschlichen, giftigen Ha├č. Aus den R├╝stkammern ihres Wissens und ihrer Phantasie suchten sie all die alten und auch viele neue Gr├╝nde zum Ha├č, Gr├╝nde der Geschichte und Gr├╝nde einer angeblichen Wissenschaft und Kunst. Mit Flei├č zerst├Ârten sie den Zusammenhang und die Liebe unter den Menschen und machten dadurch auch die Welt der Ideen, deren lebendige Verk├Ârperung sie sein sollten, vielleicht ohne es zu wollen, zu einem Werkzeug der Leidenschaft. Sie haben f├╝r selbsts├╝chtige politische oder soziale Parteiinteressen gearbeitet, f├╝r einen Staat, f├╝r ein Vaterland oder f├╝r eine Klasse! Und jetzt, da alle V├Âlker, die in diesem Barbarenkampf gek├Ąmpft , - Sieger sowohl wie Besiegte – in Armut und tiefster uneingestandener Schande ob ihrer Wahnsinnstat verzweifelt und erniedrigt dastehen, - jetzt scheint mit den Denkern auch der in den Kampf gezerrte Gedanke zerschlagen!

Auf! Befreien wir den Geist von diesen unreinen Kompromissen, von diesen niederziehenden Ketten, von dieser heimlichen Knechtschaft! Der Geist darf Niemandes Diener sein, wir aber m├╝ssen dem Geist dienen und keinen andern Herrn erkennen wir an. Seine Fackel zu tragen sind wir geboren, um sie  wollen wir uns scharen, um sie die irrende Menschheit zu scharen versuchen. Unsere Aufgabe und unsere Pflicht ist es, das unverr├╝ckbare Fanal aufzupflanzen und in der st├╝rmischen Nacht auf den ewig ruhenden Polarstern hinzuweisen. Inmitten dieser Orgie von Hochmut und gegenseitiger Verachtung wollen wir nicht w├Ąhlen noch richten. Frei dienen wir der freien Wahrheit, die in sich grenzenlos auch keine ├Ąu├čeren Grenzen kennt, keine Vorurteile der V├Âlker und keine Sonderrechte einer Klasse.

Gewi├č, wir haben Freude an der Menschheit und Liebe zu ihr! F├╝r sie arbeiten wir, aber f├╝r sie als G a n z e s .  Wir kennen nicht einzelne V├Âlker. Wir kennen nur das Volk, - einzig und allumfassend, - das Volk, das leidet und k├Ąmpft, f├Ąllt und sich wieder erhebt und dabei doch immer vorw├Ąrts schreitet auf seinem schweren Weg in Blut und in Schwei├č,  - dieses Volk aller Menschen, die alle, alle unsere Br├╝der sind.

Nur bewusst werden m├╝ssen sich die Menschen dieser Br├╝derschaft, deshalb sollten wir Wissenden hoch ├╝ber den blinden K├Ąmpfern die Br├╝cke bauen zum Zeichen eines neuen Bundes, im Namen des einen und doch mannigfaltigen, ewigen und freien Geistes. 

Zu den bekanntesten Unterzeichnern geh├Âren:

Henri  Barbusse, Benedetto Croce, Albert Einstein, Leonhard Frank, Wilhelm Herzog, Hermann. Hesse, Selma Lagerl├Âf,  Heinrich Mann, Romain Rolland, Bertrand Russell, Rabindranath Tagore, Henry van de Velde, Franz Werfel, Stefan Zweig

Zitiert nach: Deutsche Intellektuelle 1910-1913. Heidelberg 1984, S. 200ff.