Hier sollen die verschiedenartigen Bestimmungsversuche des Intellektuellen gesammelt werden. Dem sachlichen Zitat können durchaus Anmerkungen, zustimmende oder kritische Stellungnahmen folgen. 

Erste Arbeitshypothese

Die Intellektuellen reprĂ€sentieren eine Gruppierung innerhalb der Intelligenz, die sich auf Grund ihres Wissens sowie ihrer entwickelten FĂ€higkeit zur geistigen Arbeit und zur BewĂ€ltigung komplizierter, widersprĂŒchlicher Probleme berufen fĂŒhlt, die gesellschaftliche Entwicklung kritisch zu betrachten, vor allem in der Beziehung von Geist und Macht als Sachwalter und Verteidiger des Geistes aufzutreten. Der Intellektuelle nutzt dafĂŒr seine durch wissenschaftliche oder kĂŒnstlerische Leistungen erworbene AutoritĂ€t fĂŒr eine öffentlichkeitswirksame Stellungnahme aus. Unter Betonung der eigenen politischen UnabhĂ€ngigkeit wird die ureigenste Aufgabe darin gesehen, menschliche Werte, Menschenrechte, Moral öffentlich anzumahnen, ihre Beachtung bzw. Einhaltung einzufordern sowie gegen politische UnterdrĂŒckung und Eingriffe, gegen Deformierungen der Gesellschaft und  Machtanmaßungen durch ein öffentliches Auftreten als eine Art "kritisches Gewissen" der Gesellschaft zu wirken. Dabei zeichnet den Intellektuellen eine gewisse Anmaßung aus, eine möglicherweise ganz besondere Eigenheit des Intellektuellen; er braucht eine solche Haltung, um ĂŒberhaupt diese Rolle, als Einzelner kritisch gegen Unrecht, UnterdrĂŒckung, Unmoral aufzutreten, spielen und durchhalten zu können.

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Antonio Gramsci (1891-1937) , seit November 1926 bis zu seinem Tode in Haft, befasste sich in dieser Zeit unter anderem auch mit dem Problem der Intellektuellen. In den GefÀngnisheften finden sich sowohl zusammenhÀngende Passagen als auch einzelne Anmerkungen zu der Frage:

„Sind die Intellektuellen eine autonome und unabhĂ€ngige gesellschaftliche Gruppe, oder hat jede soziale Gruppe ihre eigene, spezifische Kategorie Intellektueller? Das ist auf Grund der verschiedenen Formen, unter denen sich bisher der reale historische Prozeß der Herausbildung verschiedener Intellektuellengruppen vollzog, ein komplexes Problem.“

Mehrfach betonte G., dass er den Begriff des Intellektuellen sehr weit ausdehne:

„Unter Intellektuellen sind nicht nur die gewöhnlich mit dieser Bezeichnung gemeinten Kreise zu verstehen, sondern allgemein die gesamte soziale Schicht, die im weiteren Sinne organisatorische Funktionen ausĂŒbt, sei es in der Produktion, sei es in der Kultur oder in der Politik und Verwaltung.“ 

 â€žDie Intellektuellen sind die ‚commis’ der herrschenden Gruppe, um die untergeordneten Funktionen der gesellschaftlichen Hegemonie und der politischen Herrschaft auszuĂŒben.“  

„In der modernen Welt hat der so verstandene Begriff des Intellektuellen unglaublich an Umfang zugenommen.“  

G. unterscheidet zwei Gruppen von Intellektuellen, nĂ€mlich die „organischen Intellektuellen“, die von jeder neuen gesellschaftlichen Gruppierung, die zur Macht strebt, hervorgebracht werden, und die „traditionellen Intellektuellen“, die bereits ĂŒber lĂ€ngere ZeitrĂ€ume existieren. Gerade von diesen „traditionellen Intellektuellen“ geht der Gedanke der eigenen UnabhĂ€ngigkeit aus:

„Da diese verschiedenen Gruppen traditioneller Intellektueller ihre lĂŒckenlose historische KontinuitĂ€t und ihre ‚Qualifikation’ als ‚Korpsgeist’ empfinden, definieren sie sich selbst als autonom und unabhĂ€ngig von der herrschenden gesellschaftlichen Gruppe.“ (224) 

Dagegen formuliert G.:

„Es gibt keine unabhĂ€ngige Klasse von Intellektuellen, sondern jede soziale Gruppe besitzt eine eigene Schicht von Intellektuellen oder ist bestrebt, sie sich zu schaffen; aber die Intellektuellen der geschichtlich (und tatsĂ€chlich) fortschrittlichen Klassen ĂŒben unter den jeweiligen Bedingungen eine solche Anziehungskraft aus, dass sie sich schließlich die Intellektuellen der anderen Gruppen unterordnen und auf diese Weise ein System der SolidaritĂ€t aller Intellektuellen herbeifĂŒhren, deren Bindemittel psychologischer (Eitelkeit usw.) und hĂ€ufig kastenmĂ€ĂŸiger (technisch-juristischer, stĂ€ndischer usw.) Art sind.“  

Im Mittelpunkt des Interesses von G. stehen Probleme der Herausbildung und inhaltlichen Bestimmung eines neuen Intellektuellentyps:

„Das Problem der Schaffung einer neuen Intellektuellenschicht besteht folglich darin, kritisch die intellektuelle TĂ€tigkeit herauszuarbeiten, die bei jedem bis zu einem gewissen Grad vorhanden ist, und deren VerhĂ€ltnis zur körperlichen Arbeit in Richtung auf ein neues Gleichgewicht zu verĂ€ndern. Die körperliche Arbeit selbst soll als Element der allgemeinen praktischen TĂ€tigkeit, die bestĂ€ndig das physische und gesellschaftliche Leben erneuert, zur Grundlage einer neuen und umfassenden Weltanschauung werden. Der Literat, der Philosoph, der KĂŒnstler liefern das Modell fĂŒr den herkömmlichen und sprichwörtlichen Typ des Intellektuellen. Deshalb glauben auch die Journalisten, die sich fĂŒr Literaten, Philosophen, KĂŒnstler halten, die „wahren" Intellektuellen zu sein. In der modernen Welt muß dagegen die technische Erziehung in enger Verbindung zur industriellen Arbeit, so primitiv und unqualifiziert sie auch sein mag, den Ausgangspunkt fĂŒr den neuen Typ des Intellektuellen darstellen.“  

„Die Beziehung zwischen den Intellektuellen und der Produktion ist nicht unmittelbar, wie es bei den grundlegenden gesellschaftlichen Gruppen der Fall ist, sondern wird in verschiedener Abstufung ‚vermittelt’, und zwar durch das gesamte soziale Gewebe, durch die Gesamtheit des Überbaus, dessen ‚FunktionĂ€re’ eben die Intellektuellen sind.“  

„Die Daseinsweise des neuen Intellektuellen kann nicht mehr in der Redegewandtheit bestehen, dieser Ă€ußerlichen und oberflĂ€chlichen Anregerin von Empfindungen und Leidenschaften, sondern im aktiven Eingreifen in das praktische Leben als Erbauer, Organisator mit „anhaltender Überzeugungskraft" und nicht als Redner schlechthin - aber trotzdem dem abstrakten mathematischen Geist ĂŒberlegen; von der Technik-Arbeit gelangt er zur Technik-Wissenschaft und zur historischen humanistischen Konzeption, ohne die man „Spezialist" bleibt und nicht „Leiter" (Spezialist + Politiker) wird.“  

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„Der Intellektuelle ist stets dem zwar nicht verneinenden, wohl aber bestreitenden Geist verpflichtet und steht darum links. Er ist an die Gesellschaft engagiert, jedoch nicht an ihr Sein, sondern an ihre Existenz, mit anderen Worten: an ihren VerĂ€nderungsprozeß. Er kann als FĂŒhrer des Volkes nur in dramatisch geballten Situationen in Erscheinung treten, weil er nur in diesen vom Volke akzeptiert und angefordert wird. Er muß seine ursprĂŒnglich kritische, bestreitende Aufgabe verleugnen, sobald er als inspirierter, messianischer RevolutionĂ€r WirkungstrĂ€ger des geschichtlichen Prozesses wird, und vollends dann, wenn ein UmwĂ€lzungsprozeß vollzogen ist und er die Macht in HĂ€nden hĂ€lt. Er steht auf schlechtem Fuße mit der Macht: mit der feindlichen selbstverstĂ€ndlich, aber auch mit der eigenen, die fĂŒr ihn Selbstentfremdung wird.“

Jean Améry

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Der spanische Philosoph JosĂ© Ortega y Gasset (1883-1955), bekannt vor allem durch seine Arbeit „Der Aufstand der Massen“, hat sich mehrfach definitorisch zum Intellektuellen geĂ€ußert:

„Mit dem Intellektuellen, von dem hier die Rede ist, meine ich nicht den ‚Schriftsteller’, nicht den ‚Wissenschaftler’, nicht den ‚Hochschullehrer’, auch nicht den ‚Philosophen’. Das sind alles Amts- und Berufsbezeichnungen, das heißt Gestalten der Gesellschaftsordnung, Gesichter der Öffentlichkeit, die das Einzelwesen annimmt und aufsetzt, ohne damit im geringsten die Echtheit einer unanfechtbaren geistigen Berufung in dem Menschen zu gewĂ€hrleisten, der diese Berufe ausĂŒbt. Sondern hier handelt es sich nur um den Intellektuellen im wahren Sinne des Wortes, unabhĂ€ngig von seiner augenscheinlichen und allgemein bekannten BeschĂ€ftigung. Ein Intellektueller zu sein, hat nichts mit dem gesellschaftlichen Ich des Menschen zu tun. Man ist nicht ein Intellektueller fĂŒr die anderen, mit diesem oder jenem Vorsatz, um Geld zu verdienen, um zu glĂ€nzen, um sich im stĂŒrmischen Meer der Gemeinschaft zu behaupten: man ist ein Intellektueller fĂŒr sich, trotz seiner selbst, ja gegen sich selbst, unweigerlich.“ 

„Die meisten Intellektuellen, die sich in unserer Gesellschaft herumtreiben, sind natĂŒrlich gar keine Intellektuellen, sondern spielen sich nur als solche auf; mitunter leben sie auch ganz korrekt und versehen mit Redlichkeit und nicht geringem Nutzen das Amt, auf das sie eingeschworen sind, fĂŒllen den ‚Posten, den sie einnehmen’.“

„Intellektuell ist die Bezeichnung einer Berufung.“  

 â€žDie Welt, die der Intellektuelle vorfindet, scheint ihm gerade dazu da zu sein, um von ihm in Frage gestellt zu werden. Die Dinge genĂŒgen ihm in ihrer Gegebenheit nicht; denn er lĂ€sst sie nicht auf sich beruhen, vielmehr macht er sich flugs daran, sie zu analysieren, sie von innen zu beschauen, ihre Kehrseite zu suchen, kurzum: er macht aus vermeintlichen Dingen Probleme. Auf den ersten Blick scheint er ein Zerstörer, man sieht ihn, einem Metzger vergleichbar, stets die HĂ€nde voll von den Eingeweiden der Dinge. Aber das Gegenteil ist der Fall. Der Intellektuelle kann nicht, auch wenn es wollte, im Hinblick auf die Dinge Egoist sein. Er macht aus ihnen ein Problem. Und das ist das höchste Kennzeichen der Liebe.“

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W. I. Lenin (1870 – 1924) hat in seinen theoretischen und politischen Schriften das Problem des Intellektuellen vor allem im Zusammenhang mit der Rolle von Angehörigen der Intelligenz innerhalb der kommunistischen Bewegung bzw. der sozialistischen Gesellschaft behandelt. In der Programmdiskussion aus dem Jahre 1904 polemisierte er gegen jene ReprĂ€sentanten innerhalb der Partei, die mit ihren Ansichten vor allem den Intellektuellen dienen wĂŒrden, die doch durch und durch vom bĂŒrgerlichen Individualismus durchtrĂ€nkt seien.

„Niemand wird zu leugnen wagen, dass die Intelligenz als besondere Schicht der modernen kapitalistischen Gesellschaft im großen und ganzen gerade durch den Individualismus und die UnfĂ€higkeit zur Disziplin und Organisation gekennzeichnet ist;...hierdurch unterscheidet sich diese Gesellschaftsschicht unter anderm ungĂŒnstig vom Proletariat; darin liegt die ErklĂ€rung fĂŒr die SchwĂ€chlichkeit und WankelmĂŒtigkeit der Intelligenz, eine Eigenschaft, die das Proletariat so oft zu spĂŒren bekommt; und diese Eigenschaft der Intelligenz steht in unlöslichem Zusammenhang mit ihren gewöhnlichen Lebensbedingungen und ihren ErwerbsverhĂ€ltnissen, die sich in sehr vielem den VerhĂ€ltnissen der kleinbĂŒrgerlichen Existenz nĂ€hern (Arbeit als Einzelperson oder in sehr kleinen Kollektiven usw.).“ 

In diesem Zusammenhang verwies Lenin auf die „glĂ€nzende sozialpsychologische Charakteristik“, die Karl Kautsky ĂŒber die Intellektuellen gegeben habe. Lenin ĂŒbersetzt dabei Kautskys Begriffe Literat und Literatentum ausdrĂŒcklich mit Intellektueller und Intelligenz, weil damit, wie er schreibt, „nicht nur Schriftsteller gemeint sind, sondern ĂŒberhaupt alle Gebildeten, Vertreter freier Berufe, Kopfarbeiter (brain worker, wie die EnglĂ€nder sagen) zum Unterschied von den Handarbeitern.“

In einem Text, der ausdrĂŒcklich mit „An die Partei“ ĂŒberschrieben ist, warnt Lenin vor den SchwĂ€chen der Intellektuellen:

„Im Vergleich zum Proletariat ist die Intelligenz stets individualistischer, schon kraft der Grundbedingungen ihres Lebens und ihrer Arbeit, die ihr nicht unmittelbar eine weitgehende Zusammenfassung der KrĂ€fte gestattet und somit keine unmittelbare Erziehung durch organisierte gemeinsame Arbeit geben. Daher / fĂ€llt es den intellektuellen Elementen schwerer, sich der Disziplin des Parteilebens anzupassen, und diejenigen von ihnen, die außerstande sind, mit dieser Aufgabe fertig zu werden, entrollen natĂŒrlich das Banner des Aufstandes gegen die notwendigen organisatorischen BeschrĂ€nkungen und erheben ihren spontanen Anarchismus zum Kampfprinzip...“  

Nach der Oktoberrevolution 1917 betont Lenin einerseits die Notwendigkeit, die Intellektuellen in die Arbeit einzubeziehen, wiederholt aber seine Hinweise auf die typischen MĂ€ngel dieser Schicht:

„Diese Schlamperei, NachlĂ€ssigkeit, Unordentlichkeit, Ungenauigkeit, die nervöse Hast, die Neigung, Taten durch Diskussionen, Arbeit durch Gerede zu ersetzen, diese Neigung, alles in der Welt anzufangen und nichts zu Ende zu fĂŒhren, ist eine jener Eigenschaften der ‚Gebildeten’, die sich keineswegs aus ihrer schlechten Natur und noch weniger aus Böswilligkeit, sondern aus allen ihren Lebensgewohnheiten, ihren ArbeitsverhĂ€ltnissen, ihrer ÜbermĂŒdung, der anormalen Trennung der geistigen Arbeit von der körperlichen usw. ergeben.

Unter den Fehlern, MĂ€ngeln, Missgriffen unserer Revolution spielen jene Fehler usw. eine nicht geringe Rolle, die durch diese bedauerlichen – aber im Augenblick unvermeidlichen – Eigenschaften der Intellektuellen aus unserer Mitte und durch das Fehlen einer genĂŒgenden Kontrolle der Arbeiter ĂŒber die organisatorische Arbeit der Intellektuellen verursacht werden.

Die Arbeiter und Bauern sind noch ‚zaghaft’, davon mĂŒssen sie sich befreien und werden sie sich  z w e i f e l l o s  befreien. Ohne RatschlĂ€ge, ohne Anleitung durch die Gebildeten, die Intellektuellen, die Fachleute kann man nicht auskommen. Jeder halbwegs verstĂ€ndige Arbeiter und Bauer versteht das sehr gut, und die Intellektuellen in unserer Mitte können sich nicht ĂŒber Mangel an Aufmerksamkeit und kameradschaftlicher Achtung seitens der Arbeiter und Bauern beklagen. Aber eine Sache sind RatschlĂ€ge und Anleitung – eine andere Organisierung der p r a k t i s c h e n  RechnungsfĂŒhrung und Kontrolle. Die Intellektuellen geben sehr oft ausgezeichnete RatschlĂ€ge und Anleitungen, es ist jedoch geradezu lĂ€cherlich, absurd, schĂ€ndlich, wie ‚linkisch’, wie unfĂ€hig sie sind, diese RatschlĂ€ge und Anleitungen durchzufĂŒhren und eine  p r a k t i s c h e  Kontrolle darĂŒber zu schaffen, dass das Wort auch zur Tat werde.“

In seiner Arbeit „Der ‚linke Radikalismus’, die Kinderkrankheit im Kommunismus“ aus dem Jahre 1920wird sowohl fĂŒr die kommunistische Bewegung als auch fĂŒr die Sowjetmacht in Russland die neue Aufgabe formuliert, die Intellektuellen einerseits auszunutzen, andererseits aber auch umzuerziehen. 

 â€žDer Parlamentarismus ist eine Form der Arbeit, die Journalistik eine andere. Der Inhalt beider kann kommunistisch sein und muß kommunistisch sein, wenn auch diesem wie auf jenem Gebiet wirkliche Kommunisten, wirkliche Mitglieder einer proletarischen Massenpartei tĂ€tig sind. Aber auf diesem wie auf jenem Gebiet – und auf jedem beliebigen Arbeitsgebiet unter dem Kapitalismus und beim Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus – gibt es kein Ausweichen vor den Schwierigkeiten, die das Proletariat ĂŒberwinden, vor den eigenartigen Aufgaben, die es lösen muß, um die aus dem BĂŒrgertum kommenden Intellektuellen fĂŒr seine Ziele auszunutzen, die bĂŒrgerlich-intelligenzlerischen Vorurteile und EinflĂŒsse zu besiegen und den Widerstand des kleinbĂŒrgerlichen Milieus zu schwĂ€chen ( und es im weiteren vollkommen umzugestalten).“  

„Unter der Sowjetmacht werden in eure und in unsere proletarische Partei noch mehr Intellektuelle aus dem BĂŒrgertum hineinzuschlĂŒpfen versuchen. Sie werden auch in die Sowjets, in die Gerichte und in die Verwaltung hineinschlĂŒpfen, denn man kann den Kommunismus nicht anders und mit nichts anderem aufbauen als mit dem Menschenmaterial, das der Kapitalismus geschaffen hat, man kann die bĂŒrgerliche Intelligenz nicht fortjagen und vernichten, sondern muß sie besiegen, ummodeln, umwandeln, umerziehen...“   

„Im Vergleich mit diesen wahrhaft gigantischen Aufgaben, wenn man unter der Diktatur des Proletariats Millionen Bauern, Kleinproduzenten, Hunderttausende Angestellte, beamte, bĂŒrgerliche Intellektuelle umerziehen und sie alle dem proletarischen Staat und der proletarischen FĂŒhrung unterstellen, in ihnen die bĂŒrgerlichen Gewohnheiten und Traditionen besiegen mĂŒssen – im Vergleich mit diesen gigantischen Aufgaben ist es eine kinderleichte Sache, unter der Herrschaft der Bourgeoisie, im bĂŒrgerlichen Parlament eine wirklich kommunistische Fraktion einer wirklich proletarischen Partei zu schaffen.

Wenn die Genossen ‚Linken’ und Antiparlamentarier es nicht lernen, heute selbst eine so kleine Schwierigkeit zu ĂŒberwinden, so kann man mit Gewißheit sagen, dass sie entweder nicht imstande sein werden, die Diktatur des Proletariats zu verwirklichen, es nicht zuwege bringen werden, sich die bĂŒrgerlichen Intellektuellen und die bĂŒrgerlichen Institutionen in großem Maßstab unterzuordnen und sie umzumodeln, oder aber dass sie das alles in grĂ¶ĂŸter Hast werden nachlernen mĂŒssen und durch diese Hast der Sache des Proletariats gewaltigen Schaden zufĂŒgen, mehr Fehler als gewöhnlich begehen, mehr SchwĂ€chen und Unvermögen als durchschnittlich an den Tag legen werden usw. usf.“

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Joseph Alois Schumpeter (1883-1950), in SĂŒdmĂ€hren geboren und in den USA gestorben, gehört zu den bedeutendsten Wirtschaftswissenschaftlern des 20. Jahrhunderts. Nach dem Studium in Wien, der Promotion (1906) und Habilitation (1909) lehrte er an den UniversitĂ€ten von Czernowitz, Graz und Bonn, war kurze Zeit Finanzminister Österreichs und Leiter einer Wiener Privatbank und arbeitete seit 1932 an der Harvard UniversitĂ€t in den USA. Er war MitbegrĂŒnder und erster PrĂ€sident der Econometric Society. Aus der Vielzahl seiner Arbeiten seien hier nur „Vergangenheit und Zukunft der Sozialwissenschaften“ (1915), „Zur Soziologie des Imperialismus“ (1919), „Ökonomie und Psychologie des Unternehmers“ (1929) und „Geschichte der ökonomischen Analyse“ (1954) genannt.

In seiner Untersuchung „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“(1943, deutsch 1946) befasst sich Schumpeter auch mit dem Typ des Intellektuellen. Hier einige seiner Positionen:

„Dieser Typus ist nicht leicht zu definieren. Die Schwierigkeit ist in der Tat symptomatisch fĂŒr den Charakter der Spezies. Die Intellektuellen sind nicht eine soziale Klasse in dem Sinne, wie die Bauern oder Industriearbeiter soziale Klassen bilden; sie kommen aus allen Ecken und Enden der sozialen Welt, und ein großer Teil ihrer TĂ€tigkeit besteht darin, sich gegenseitig zu bekĂ€mpfen und Lanzen zu brechen fĂŒr Klasseninteressen, die nicht ihre eigenen sind. Und doch entwickeln sie eine Gruppenhaltung und Gruppeninteressen von genĂŒgender StĂ€rke, um eine große Zahl von ihnen zu einem Verhalten zu bringen, das gewöhnlich mit dem Begriff der sozialen Klassen verbunden ist. Weiter, - sie können nicht einfach definiert werden als eine Gesamtsumme aller Menschen, die eine höhere Bildung genossen haben; das wĂŒrde die wichtigsten Merkmale dieses Typus verwischen..... Es wĂŒrde auch unserm Zwecke nicht dienen, wenn wir den Begriff mit der Zugehörigkeit zu den freien Berufen gleichsetzten: Ärzte und Advokaten zum Beispiel sind keine Intellektuellen im eigentlichen Sinne, es sei denn, sie sprechen oder schreiben ĂŒber außerhalb ihrer beruflichen ZustĂ€ndigkeit liegenden GegenstĂ€nde... Und doch besteht eine enge Verbindung zwischen den Intellektuellen und den Berufen. Denn gewisse Berufe – besonders wenn wir den Journalismus dazu zĂ€hlen – gehören in der tat beinahe völlig zur DomĂ€ne des intellektuellen Typus... Schließlich, - eine Definition vermittels des Gegensatzes zur Handarbeit wĂ€re viel zu weit...

Intellektuelle sind in der Tat Leute, die die Macht des gesprochenen und des geschriebenen Wortes handhaben, und eine EigentĂŒmlichkeit, die sie von anderen Leuten, die das gleiche tun, unterscheidet, ist das Fehlen einer direkten Verantwortlichkeit fĂŒr praktische Dinge. Diese Eigenschaft erklĂ€rt im allgemeinen auch eine weitere – das Fehlen jener Kenntnisse aus erster Hand, wie sie nur die tatsĂ€chliche Erfahrung geben kann. Die kritische Haltung, die nicht weniger aus der Situation des Intellektuellen als eines bloßen Zuschauers – in den meisten FĂ€llen auch als eines Außenseiters – als aus der Tatsache entsteht, dass seine grĂ¶ĂŸten Erfolgsaussichten in seinem tatsĂ€chlichen oder möglichen Wert als Störungsfaktor liegen, sollte ein drittes Charakteristikum hinzufĂŒgen.“

„Alle jene, die arbeitslos oder unbefriedigend beschĂ€ftigt oder unverwendbar sind, strömen in die Berufe, in denen der Standard am wenigsten bestimmt ist oder in denen FĂ€higkeiten und Fertigkeiten einer anderen Ordnung zĂ€hlen. Sie vermehren die Schar der Intellektuellen im eigentlichen Sinne des Wortes, deren zahl infolgedessen unverhĂ€ltnismĂ€ĂŸig ansteigt. Sie stoßen zu ihnen in einem Geisteszustand Ă€ußerster Unzufriedenheit. Unzufriedenheit erzeugt Groll und redet ich oft in jene soziale Kritik hinein, die, wie wir oben gesehen haben, unter allen UmstĂ€nden die typische Haltung des intellektuellen Zuschauers gegenĂŒber Menschen, Klassen und Institutionen namentlich in einer rationalistischen und utilitaristischen Zivilisation ist. Nun, hier haben wir also Zahlen – eine klar umschriebene Gruppensituation von proletarischer FĂ€rbung – und ein Gruppeninteresse, das eine Gruppenhaltung formt. Aus dieser lĂ€sst sich die Feindseligkeit gegen die kapitalistische Ordnung viel realistischer erklĂ€ren als aus der Theorie..., nach welcher die gerechte EntrĂŒstung des Intellektuellen ĂŒber das Unrecht des Kapitalismus einfach die logische Folgerung aus empörenden TatbestĂ€nden darstellt...“