Elias Canetti (1905 – 1994)

Dass wir hier Elias Canetti unter die deutschen Intellektuellen aufnehmen, hat den einen Grund, n„mlich dass diese multikulturelle Pers”nlichkeit nicht nur seine Staatsangeh”rigkeit gewechselt hat oder in verschiedenen L„ndern gelebt hat, sondern weil er tats„chlich ein deutschsprachiger Schriftsteller ist. Aus dem in Bulgarien geborenen Jungen, dessen Eltern trkische Staatsangeh”rige waren und aus Spaniolenfamilien stammten, Juden, die vor langer Zeit aus Spanien ausgewandert waren, der in Wien seine Ausbildung erhielt und die l„ngste Zeit seines Lebens in England gelebt hat, wurde ein deutschsprachiger Schriftsteller, der mit dieser seiner Sprache sprachgewaltig und zugleich filigran umging wie kaum ein anderer seiner Zeitgenossen.

Der mehrsprachig aufgewachsene Elias - in der Familie sprach man Spanisch, auf der Straáe Bulgarisch, das Trkische war ihm nicht fremd, Englisch und Franz”sisch kamen frh dazu - entschied sich fr die deutsche Sprache, die er erst mit acht Jahren zu erlernen begann. Mit welchen Konsequenzen seine Mutter ihn zwang, die deutsche Sprache zu erlernen. beschrieb er in seiner Autobiographie "Die gerettete Zunge": ""So zwang sie mich in krzester Zeit zu einer Leistung, die ber die Kr„fte jedes Kindes ging, und daá es gelang, hat die tiefere Natur meines Deutsch bestimmt, es war eine sp„t und unter wahrhaftigen Schmerzen eingepflanzte Muttersprache. Bei diesen Schmerzen war es nicht geblieben, gleich danach erfolgte eine Periode des Glcks, und das hat mich unl”sbar an diese Sprache gebunden. Es muá auch den Hang zum Schreiben frh in mir gen„hrt haben..." Und durch alle Wirren der Zeit und des pers”nlichen Lebens blieb er dieser Sprache treu. So notierte er 1944: "Die Sprache meines Geistes wird die deutsche bleiben, und zwar weil ich Jude bin. Was von dem auf jede Weise verheerten Land brig bleibt, will ich als Jude in mir behten." Und 1959 stellte er fr sich fest: "Zuhause fhle ich mich, wenn ich mit dem Bleistift in der Hand deutsche W”rter niederschreibe und alles um mich herum spricht englisch."

"Gegen alles, was man ist, muá man sich wehren, aber nur so, daá man es nicht zerbricht."

Als Canetti diese Maxime 1975 notierte, hatte er bereits ein erfahrungsreiches Leben hinter sich. Und es sollten noch zwanzig Jahre mehr werden, in denen er diese seine šberlegung praktisch berprfen konnte. Denn tats„chlich hat er nach dieser Maxime gelebt und seine inneren K„mpfe in vielf„ltiger Weise literarisch belegt. Elias Canetti wurde am 25. Juli 1905 in Rustschuk in Nordbulgarien geboren. 1911 zog die Familie nach England, wo der Vater in Manchester arbeitete. Nach dem frhen Tod des Vaters 1912 verlieá die Mutter mit ihren drei Kindern England und kam ber Paris und Lausanne nach Wien. In Wien besuchte Canetti seit 1915 das Realgymnasium. 1916 bersiedelte die Familie wegen der unsicheren Kriegszeit in die neutrale Schweiz nach Zrich. Hier verlebte Canetti - vor allem in der Pension Yalta in Tiefenbrunn, wo er von 1919 an untergebracht war - nach eigener Aussage vollkommen glckliche Jahre, die er sp„ter als sein Paradies bezeichnete. Als die Mutter sich 1921 entschloss, nach Frankfurt am Main zu ziehen, empfand Elias das als eine Vertreibung aus dem Paradies. In Frankfurt besuchte Canetti erfolgreich das W”hler-Gymnasium. Immerhin war das das vierte Land, in dem der Junge die Schule besuchen musste. Aber er verkraftete diese Prozedur, wohl auch dank seines Interesses fr die Sprachen und die verschiedenen Kulturen und Literaturen, die sich ihm auftaten. So geh”rten Shakespeare, Cervantes und Dante zu seinen bevorzugten Dichtern. Und Napoleon war fr ihn in diesen Jahren sein groáer Held. Der h„ufige Schulwechsel fhrte Canetti aber auch etwas vor Augen, was ihm unter anderen Umst„nden vielleicht nicht so deutlich geworden w„re: die Vielfalt der Menschen, die er hier in Gestalt seiner Lehrer erfuhr. "Die Vielfalt der Lehrer war erstaunlich; es ist die erste bewuáte Vielfalt im Leben. Daá sie so lange vor einem stehen, in jeder ihrer Regungen ausgesetzt, unter unaufh”rlicher Beobachtung, Stunde um Stunde wieder der eigentliche Gegenstand des Interesses, und da man sich nicht entfernen darf, immer fr dieselbe, genau abgegrenzte Zeit; ihre šberlegenheit, die man nicht ein fr allemal anerkennen will, die einen scharfsichtig und kritisch und boshaft macht; die Notwendigkeit, ihnen beizukommen, ohne daá man sich's gar zu schwer machen m”chte, denn noch ist man kein ergebener, ausschlieálicher Arbeiter geworden; auch das Geheimnis ihres brigen Lebens, w„hrend der ganzen Zeit, die sie nicht als Schauspieler ihrer selbst vor einem dastehen; und dann noch die Abwechslung in ihrem Auftreten, daá einer nach dem anderen vor einem auftritt, am selben Ort, in derselben Rolle, in derselben Absicht, also eminent vergleichbar - das alles, wie es zusammenwirkt, ist noch eine ganz andere als die deklarierte Schule, eine Schule n„mlich auch der Vielfalt von Menschen und wenn man sie halbwegs ernst nimmt, auch die erste bewuáte Schule der Menschenkenntnis." Zeit seines Lebens sollte Canetti diesen Eindruck derart verinnerlicht haben, dass er stets auf der Suche nach Menschen blieb. Das best„tigten nachdrcklich viele seiner Zeitgenossen, die ihn im pers”nlichen Umgang erfuhren. So erinnerte sich Ruth von Mayenburg, die Lebensgef„hrtin des ”sterreichischen Kommunisten und Literaturwissenschaftlers Ernst Fischer, wie sie 1934 mit Canetti bekannt wurde: "Breithftig, klein und gedrungen, ein Schnurrb„rtchen ber dem gespannten Mund, den ich je an einem Menschen beobachtet habe, war er ein Menschenfresser, und man hatte Mhe, nicht von ihm verschlungen zu werden.“ 

1924 begann sein eigenes, selbst„ndiges Leben, losgel”st von dem starken und zugleich widerspruchsvollen Einfluss der Mutter. Zusammen mit seinem Bruder ging er wieder nach Wien. Hier begann er ein Chemiestudium, das ihn zwar nie ganz ausfllte, das er jedoch diszipliniert bis zum Ende durchhielt und sogar 1929 mit der Promotion abschloss. 1924 lernte er w„hrend einer Vorlesung von Karl Kraus, den er sehr verehrte,auch seine sp„tere Frau Veza Taubner-Calderon (1897-1963) kennen, die ebenfalls aus einer Spaniolenfamilie stammte. In die Wiener Jahre fiel auch ein Ereignis, das Canetti sp„ter als eine Art Schlsselerlebnis bezeichnete und das in ihm das bereits Jahre vorher entstandene Interesse an dem Ph„nomen der Masse in der Gesellschaft verfestigte und in den Mittelpunkt seines Denkens rckte. Das war am 15. Juli 1927, als emp”rte Wiener Arbeiter wegen eines Freispruchs von M”rdern, die Arbeiter get”tet hatten, den Justizpalast strmten, wobei es 90 Tote gab. Von da an besch„ftigte Canetti die Problematik der Masse, bis er sich diesen Fragen Ende der dreiáiger Jahre mit ernsthaften Studien zuwandte.

W„hrend der Studienzeit nutzte er 1928 und 1929 die Semesterferien, um fr mehrere Wochen nach Berlin zu gehen. Hier arbeitete er im Malik-Verlag von Wieland Herzfelde als šbersetzer, vor allem zu Upton Sinclair. Seine bereits ausgepr„gten literarischen Interessen konnte er in Berlin voll ausleben, lernte er doch in diesen Monaten eine Reihe von Pers”nlichkeiten des Berliner literarischen Lebens kennen, so Bertolt Brecht und John Heartfield, Georg Grosz und Leonhard Frank. Groáen Eindruck machte auf ihn der russische Schriftsteller Isaak Babel, der sich einige Zeit in Berlin aufhielt. "Ich weiá, daá Berlin mich wie eine Lauge zerfressen h„tte, wenn ich ihm nicht begegnet w„re," schrieb er in seinen Erinnerungen. Denn Berlin erlebte er als das ganze Gegenteil von Wien. "Man mochte aus einer alten Hauptstadt wie Wien kommen, hier fhlte man sich als Provinzler und riá die Augen weit auf, bis sie sich daran gew”hnten, offenzubleiben. Es war etwas Scharfes, Žtzendes in der Atmosph„re, das einen reizte und belebte." Symptomatisch war fr ihn die Premiere der "Dreigroschenoper“ von Brecht und Weill, die er miterlebte. Er sah sie als eine kalt berechnete, raffinierte Auffhrung, in der Berlin seinen genauesten Ausdruck fand: "Die Leute jubelten sich zu, das waren sie selbst, und sie gefielen sich. Erst kam ihr Fressen, dann kam ihre Moral, besser h„tte es keiner von ihnen sagen k”nnen, das nahmen sie w”rtlich. ... Die schrille und nackte Selbstzufriedenheit, die sich von dieser Auffhrung ausbreitete, mag nur glauben, wer sie erlebt hat."

1929 hatte er sein Chemiestudium mit der Promotion zum Thema "šber die Darstellung des Terti„rbutylcarbinols" erfolgreich abgeschlossen. Doch der frischgebackene Doktor hatte keinerlei Ambitionen, sich weiterhin den exakten Wissenschaften zu widmen. Vielmehr setzte er die bereits vorher begonnenen literarischen Arbeiten intensiv fort. 1931 schloss er seinen Roman "Die Blendung“ ab, den er anf„nglich "Kant fing Feuer“ genannt hatte und den er voller Hoffnungen an Thomas Mann sandte. Doch der schickte das Manuskript ungelesen zurck. Vielleicht war das einer der Grnde, warum Canetti das Buch erst 1935 erscheinen lieá.

Das Schreiben aber konnte und wollte er nicht lassen. In den n„chsten Jahren versuchte er sich als Dramatiker und schrieb mit "Die Hochzeit“ (1932) und "Kom”die der Eitelkeiten“ (1934) zwei Theaterstcke. Er lernte den Schriftsteller Hermann Broch kennen. Und erlebte eine seiner tiefsten menschlichen Entt„uschungen, als der von ihm so verehrte Karl Kraus nach den brgerkriegs„hnlichen Auseinandersetzungen in Wien im Februar 1934 fr Dollfuá Partei ergriff. Wie Canetti sich sp„ter erinnerte, war es " die tiefste Entt„uschung an einem groáen Geiste, die ich in meinen dreiáig Jahren je erlebt hatte, eine Wunde, so schwer, daá sie auch in weiteren dreiáig Jahren nicht heilen wrde. Es gibt Wunden, die man bis zum Tod mit sich herumtr„gt, und alles, was man tun kann, ist, sie vor den Augen anderer zuzudecken."

1933, nach einer kurzen Aff„re mit Alma Mahler, heiratete er Veza Taubner-Calderon. Sie hat selbst als Schriftstellerin interessante Arbeiten geschaffen und ver”ffentlichte sie zumeist in der Wiener "Arbeiter-Zeitung“, wobei sie die Pseudonyme Veza Magd, Martha Murner und Veronika Knecht nutzte. Sie bekannte sich Zeit ihres Lebens als Sozialistin und w„hlte in ihren Erz„hlungen zumeist Frauengestalten und Frauenschicksale aus dem einfachen Wiener Volksleben. Bekannt wurde sie vor allem mit ihrem Roman "Die gelbe Straáe.

Canetti begegnete in diesen Jahren James Joyce und traf bei einer Lesung seiner "Kom”die der Eitelkeiten“ mit Ernst Bloch, Hans Kokoschka und Robert Musil zusammen. 1938 entschloss er sich zur Emigration und ging ber Paris nach London. Die englische Hauptstadt wurde nun fr die n„chsten vierzig Jahre seine "Heimat“. 1939 begann er mit intensiven Studien zu einem Thema, das ihn bereits seit dem Tode Walter Rathenaus immer wieder besch„ftigt hatte: das Problem der Masse. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges setzte er diese Studien fort, die dann in sein groáes Werk "Masse und Macht" mndeten, das 1960 erschien.

Aber auch der Reisebericht "Die Stimmen von Marrakesch", die Dramen "Die Affenoper“ und "Die Befristeten“ sowie verschiedene Aufs„tze, Essays und Aufzeichnungen fanden in der literarischen ™ffentlichkeit immer mehr Anerkennung. Das erreichte dann mit der dreib„ndigen Autobiographie "Die gerettete Zunge. Geschichte einer Jugend", "Die Fackel im Ohr. Lebensgeschichte von 1921 bis 1931" sowie "Das Augenspiel. Lebensgeschichte von 1931 bis 1937" seinen H”hepunkt.

Seine Frau Veza erlebte diese wachsende Berhmtheit ihres Mannes nicht mehr; sie starb 1963. 1971 heiratete Canetti seine zweite Frau Hera Buschor. 1972 wurde ihre Tochter Johanna geboren. Das war bereits zu einer Zeit, da ”ffentliche Ehrungen fast an der Tagesordnung waren: Auf den Groáen ™sterreichischen Staatspreis (1968) und den Literaturpreis der Bayrischen Akademie der sch”nen Knste (1969) folgten unter anderem der Bchnerpreis (1972), der Nelly-Sachs-Preis (1975), der Gottfried-Keller-Preis (1977), der Johann-Peter-Hebel-Preis (1980) und der Kafka-Preis (1981). 1979 erfolgte die Aufnahme in den Orden "pour le m‚rite", und 1983 wurde ihm das Groáe Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik verliehen. Den H”hepunkt dieser vielf„ltigen Auszeichnungen bildete 1981 die Verleihung des Nobelpreises fr Literatur.

In seinen letzten Lebensjahren hielt sich Canetti vorwiegend in Wien auf. Er starb am 14. August 1994 und wurde in einem Ehrengrab neben James Joyce in Zrich beigesetzt. Heute setzt sich eine Internationale Canetti Gesellschaft mit seinem Werk auseinander; und Wien vergibt ein Stipendium, das den Namen des berhmten Wahlbrgers der Stadt tr„gt.

 "Nicht alles wissen will ich, sondern das Zersplitterte vereinigen.“

Canettis Wirkung gerade seit dem Ende der sechziger Jahre h„ngt sicher mit dem Zeitgeist dieser bewegten Jahre zusammen. Canetti bejahte das Leben, er genoss es, behielt sich aber stets eine distanzierte und zunehmend pessimistische Grundeinstellung vor. "Ich kann es nicht erkl„ren, warum bei mir ein klares Empfinden fr die Schlechtigkeit dieses Lebens mit einer immer wachen Leidenschaft dafr Hand in Hand geht," schrieb er ganz in diesem Sinne. Der Mensch sei trotz der angesammelten Weisheit all seiner Vorfahren ein rechter Dummkopf geblieben und die Kernfrage aller Ethik bestnde darin, ob man den Menschen sagen solle, wie schlecht sie sind oder sie in ihrer Unschuld schlecht sein lassen soll. Beinahe zynisch klingt sein Vorschlag: "Das sch”nste Standbild des Menschen w„re ein Pferd, wenn es ihn abgeworfen h„tte." Seit das Menschenleben nicht mehr das Maá aller Dinge sei, gebe es fr nichts mehr ein Maá, ist die pessimistische Grundaussage des Schriftstellers, der resmierend meint, dass alle Pessimismen der Menschheitsgeschichte zusammengenommen nichts gegen die Wirklichkeit wiegen. So ist das Selbstbildnis nur zu verst„ndlich, das Canetti von sich als einem Menschen seines "geschlagenen Jahrhunderts“ zeichnet: "Es gibt eine Klagemauer der Menschheit, und an dieser stehe ich."

Woher kam diese weltanschauliche Grundeinstellung, auf welche Quellen sttzte sie sich und wie ging Canetti damit um?

Auf den ersten Blick meint man, hier einen eifrigen Schopenhauerianer vor sich zu haben. Doch dieser erste Blick t„uscht. Canetti kannte zwar die Arbeiten des groáen Pessimisten und sah in ihm einen "Gegendenker, der es mit dem Denken ernst“ meinte. Besonders wrdigte er, dass die besten und khnsten Ideen aus der Zeit des jungen Philosophen stammten, w„hrend die sp„teren Arbeiten, die dann allerdings am meisten gelesen wurden, lediglich "solide Verzierungen“ darstellten. Auch die entschiedene und unab„nderliche Abwendung des Philosophen von Gott imponierte ihm. Insgesamt stand Canetti dem Philosophen Schopenhauer jedoch skeptisch gegenber. Denn die Pessimisten wie Schopenhauer h„tten zwar recht und seien auch nicht langweilig, aber eigentlich seien sie berflssig. Vor allem merkte er kritisch an, dass sich Schopenhauer in seiner Ethik so stark auf die indische Philosophie sttzte. Er, Canetti, dagegen identifizierte sich mit den Chinesen. Nur die griechische Philosophie hatte ihn schon frher besch„ftigt, doch von China trug er ein immer differenzierteres und gewichtigeres Bild im Kopf. Vor allem der altchinesische Philosoph Dschuang Dse, der in der Zeit von etwa 370 bis 280 v.u.z. gelebt hatte, geh”rte zu seiner st„ndigen Lektre. " G„be es ihn nicht,“ notierte er 1981, "ich bestnde aus Wurzeln. Aber er ist es, der mich aus den Wurzeln hochhebt, ohne eine zu verletzen. Seine Freiheit w„chst mit der Ver”dung unserer Erde... Sehr nah ist er uns in seinen K„mpfen... Er sagt unerschtterlich, dass Worte etwas sind, er achtet und ehrt sie und verweigert sie Taschenspielern. Sehr tief berhrt mich seine Verachtung des Nutzens. Er weiá etwas von Weite und hat „uáere Weite zu innerer einbezogen. Man k”nnte ihn den von Weite Erfllten nennen.“ Aber auch Kung Fu-Dse (Konfuzius) und Lau Dse (Laotse)las er regelm„áig neben den griechischen Philosophen und schw„rmte davon, selbst einmal so wie diese alten Philosophen in wenigen S„tzen so viel sagen zu k”nnen; solange man das nicht k”nne, meinte er, habe man eigentlich nichts zu sagen.

Insgesamt st”át man jedoch auf viele Vorbehalte gegenber der Philosophie, seien es nun die Ansichten von Aristoteles oder Bacon, Nietzsche oder Hegel. Die Philosophie und ihre Repr„sentanten h„tten immer etwas von Tricks, meinte der Schriftsteller. Was den Philosophen ausmache, meinte er ironisch, sei die geringe Zahl seiner Hauptgedanken, die er dann jedoch hartn„ckig und geradezu l„stig st„ndig wiederhole. Das Werk des Philosophen sei wie ein Netz, das allerdings auáerhalb der Wirklichkeit gewebt wurde und dem man sich rechtzeitig entziehen msse, wenn man merkt, dass einem dieses System nicht passt. Und eigentlich meint Canetti, wenn alles ineinander passt, wie das bei den Philosophen so blich sei, habe es kaum noch etwas zu bedeuten. Er spricht sogar von einem "Entleerungsprozeá“ des Denkens bei Philosophen, der ihn abstoáe. Er will – das bemerkt man immer wieder - die Philosophie also nicht allzu ernst nehmen; aber er m”chte sie natrlich auch nicht missen. "Die Philosophen zeugen Kinder miteinander ohne zu heiraten...Sie lassen sich nie widerlegen, obwohl sie sich gern in diesem imagin„ren Gesch„ft ben...Die Eigenartigsten vergessen wirklich das Meiste und sind einem dann in ihrer riesigen eigenen Finsternis so lieb wie Sterne." Canetti warnt davor, sich Positionen zu n„hern oder sie gar anzunehmen, die mit dem eigenen Lebensverst„ndnis nicht bereinstimmen. Daraus wrden bald falsche šberzeugungen, von denen man sich erst wieder ber lange Zeit befreien k”nne. Versuche man es zu schnell und pl”tzlich, wrden solche falschen Ideen wie Wunden weiter schw„ren. Vielleicht aus dieser Einsicht und eigenen Erfahrungen heraus untersttzte Canetti den Philosophen Ludwig Wittgenstein, der als Gruá der Philosophen untereinander empfohlen hatte: "Laá dir Zeit!“

Sprt man den weltanschaulichen Quellen und Grundhaltungen Canettis nach, st”át man auf zwei Aussagen, in denen seine Auffassung von den objektiven Voraussetzungen des eigenen Ichs sowie von dem subjektiven Willen seiner Lebensgestaltung recht eindeutig zusammengefasst worden sind. Einmal heiát es bei ihm: "Der entscheidende, der eigentlich aufschlussreiche Moment im Leben eines Menschen ist der, in dem die disparaten Elemente, die er in sich tr„gt, die zerstreut und unverbunden in ihm herumliegen, pl”tzlich zu einem unsichtbaren Kristall zusammenschieáen, der nie mehr aufzul”sen ist, von dessen harter, sprbarer, ja vielleicht schmerzlicher Form alles bestimmt sein wird, was er je unternimmt. Von diesem inneren Kristall wird er sich nie mehr befreien k”nnen, und ob er durch ihn scheitern wird oder ihm schlieálich entspricht, wird sich erst sehr sp„t, manchmal sogar erst lange nach seinem Tode erweisen, n„mlich dann, wenn Sinn oder auch Unsinn seines Werkes anderen aufgeht.“

Die zweite, subjektive Seite, die mit diesem Bild vom Kristall sehr direkt zusammenspielt, beschreibt er so: "Mein ganzes Leben ist nichts als ein verzweifelter Versuch, die Arbeitsteilung aufzuheben und alles selbst zu bedenken, damit es sich in einem Kopf zusammenfindet und darber wieder Eines wird. Nicht alles wissen will ich, sondern das Zersplitterte vereinigen. Es ist beinahe sicher, daá ein solches Unternehmen nicht gelingen kann. Aber die sehr geringe Aussicht, daá es gelingen k”nnte, ist an sich schon jede Mhe wert."

Obwohl Canetti der psychologischen Durchdringung seines Stoffes gr”áte Aufmerksamkeit schenkte, war er kein Anh„nger von Sigmund Freud, sondern stand ihm ablehnend gegenber. Ja, er hat in sp„ten Jahren, 1982, sogar darauf verwiesen, dass es ihm unter anderem auch darum ging, "etwas vom Unglck, das Freud bewirkt hat“ m”glichst ungeschehen zu machen, zumindest aber abzuschw„chen.

Der Vielleser Canetti konnte aus unz„hligen Quellen sch”pfen, wenn es um die Ausgestaltung seiner eigenen weltanschaulichen Position ging. Aber er fand auch immer wieder gengend Filter, um berflssiges oder fr ihn nicht gltiges Wissen auszumustern. So bewunderte er den groáen Kulturhistoriker Jacob Burckhardt wegen seiner Kenntnis der Griechen, wegen seiner skeptischen Haltung gegenber einem flachen Fortschrittsoptimismus und weil er von ihm frh gelernt hatte, Widerstand gegen das Denken eines Nietzsches zu leisten. Er verglich ihn sogar mit dem Riesen Atlas, "der die Welt enth„lt und ertr„gt“. Denn Canetti stand der Geschichte, genauer der Geschichtsschreibung mit Vorbehalt gegenber, nannte es eine "impertinente Manier“, alles aufzubewahren, so dass jeder in diesem Arsenal seine Waffen f„nde. Und die Historiker seien sorgf„ltig darauf bedacht, keinen Blutfleck aus der Geschichte wegzuwischen. Was ihn besonders „rgerte war der Umstand, dass in der Geschichte alles so dargestellt werde, als ob es nicht anders h„tte kommen k”nnen, wodurch sich die Geschichte auf die Seite des Geschehenen stelle. Dabei zeige doch das Nichtgeschehene, dass es doch meist auf hundert Arten anders h„tte kommen k”nnen. 

Canetti sucht in der Vergangenheit wie in der Gegenwart stets den Menschen, nicht Gesetze, Prozesse oder gar allgemeine Systeme. Der Mensch verk”rpert fr ihn die Wirklichkeit. Und in der Erkenntnis dieser Wirklichkeit entdeckte er fr sich das Bild. "Denn ein Weg zur Wirklichkeit geht ber Bilder. Ich glaube nicht, daá es einen besseren Weg gibt. Man h„lt sich an das, was sich nicht ver„ndert, und sch”pft damit das immer Ver„nderliche aus. Bilder sind Netze, was auf ihnen erscheint, ist der haltbare Fang... Es ist aber wichtig, daá diese Bilder auch auáerhalb vom Menschen bestehen, in ihm sind selbst sie der Ver„nderlichkeit unterworfen. Es muá einen Ort geben, wo er sie unberhrt finden kann, nicht er allein, einen Ort, wo jeder, der unsicher wird, sie findet. Wenn er das Abschssige seiner Erfahrung fhlt, wendet er sich an ein Bild. Da h„lt die Erfahrung still, da sieht er ihr ins Gesicht. Da beruhigt er sich an der Kenntnis der Wirklichkeit, die seine eigene ist, obwohl sie ihm hier vorgebildet wurde. Scheinbar w„re sie auch ohne ihn da, doch dieser Anschein trgt, das Bild braucht seine Erfahrung, um zu erwachen." Er ging dabei so weit, dass er meinte, an einem bestimmten Bild, n„mlich der "Blendung Simsons“ von Rembrandt erst richtig gelernt zu haben, was Hass ist.

Der Menschensucher Canetti hat immer wieder und von den verschiedensten Aspekten her nach der Bedeutung, dem Sinn des Menschen, des Menschseins und der Menschheit gefragt. Und er hat die unterschiedlichsten Antworten gefunden. Jeder Mensch war fr ihn ein Mittelpunkt, aber eben einer neben unz„hligen anderen, die ebensolchen Mittelpunkt darstellen. Aus einer solchen Vereinzelung ergab sich dann auch, dass man ber die Menschheit als Ganzes nur etwas aussagen kann, dass man nur etwas fr ihren Weiterbestand tun kann, wenn man genug von den einzelnen Menschen weiá, aus denen sich diese Menschheit zusammensetzt. Allerdings bleibt das Menschenbild bei Canetti zutiefst pessimistisch: Vielleicht habe niemand so tief am Menschen gezweifelt wie er, notiert er gegen Ende seines Lebens. Aus dem einzelnen Menschen k”nne man "das Unglck der ganzen Welt“ erfassen, das Canetti vor allem darin sieht, dass sich die Menschheit nie wieder bescheiden werden kann, weil sie ihr Maá verloren hat: "Man hat kein Maá mehr, fr nichts, seit das Menschenleben nicht mehr das Maá ist." Als er am Ende seines Lebens resmierte, was er denn nun bei seiner Menschensuche erreicht habe, musste er sich eingestehen, dass er die richtige, die gltige und ntzliche Haltung des Menschen nicht gefunden habe und dass er es nicht weiter gebracht habe, als nein zu sagen. 

"Die Chaotiker und die Destillierer“

šber die Kunst und den Knstler, im engeren Sinne ber die Literatur und den Schriftsteller hat Elias Canetti in immer wiederkehrenden Kreisen nachgedacht, sowohl im verallgemeinernden Sinne als auch an der konkreten Person. Ganz allgemein unterschied er bei den Knstlern zwischen zwei Grundtypen, dem Destillierer und dem Chaotiker. Die Destillierer erscheinen als Pers”nlichkeiten, die fr alle Zeiten von einer bestimmten Substanz erfllt seien, die sich nicht ver„ndert und von der sie nicht loskommen, weshalb sie "vor ihren Kolben“ stehen und destillieren. Sie m”chten alles mit gr”áter Pr„zision erfllen, h„ngen am Gesetz, verabscheuen die Ausnahme, haben etwas Strenges, Reines, ja Asketisches an sich und werden von Canetti ein wenig ironisch auch als die "S„ulenheiligen der Kunst“ bezeichnet. Man ahnt, dass er diesem Typ mit Distanz gegenber steht. Anders verh„lt es sich mit dem Chaotiker. Das ist der Typ, der auf Canetti passt, den er vielleicht sogar fr sich erfunden hat. Die Chaotiker, so lautet sein Urteil, "erkennen die Welt als Chaos und misstrauen dem Gesetz. Unter keinen Umst„nden wollen sie etwas von der Welt auslassen... Sie schlingen alles in sich hinein und verabscheuen Di„tvorschriften. Ihr Grundgefhl ist, dass sie sich nicht schonen drfen. Sobald sie die Welt als Chaos empfunden haben, wollen sie dieses Chaos ganz... Der Chaotiker erkl„rt nichts, er stellt es dar. Er sch„mt sich der Welt nicht, denn sie ist zu entsetzlich... Seine St„rke besteht darin, dass er das Chaos um sich in sich selber wiederfindet. Er stellt es nicht dar, ohne es sich aus sich selber herauszuholen... Er will das lebende Inventar der Welt sein, nichts von ihr darf fehlen.“ Zwischen den Destillierern und den Chaotikern existiert ein besonders gravierender Unterschied, n„mlich die Behandlung des Menschen; erstere lassen ihn gern verschwinden oder verdnnen ihn wenigstens zu einem bloáen Zeichen; die zweiten k”nnen vom Menschen nicht absehen, denn allein am Menschen k”nnen sie ihr Chaos n„hren. Schon an den vielen Lehrern seiner Jugendzeit hatte er begriffen, worauf es eigentlich ankam, n„mlich das "Eigentliche der Welt“ in Gestalt von Pers”nlichkeiten aufzunehmen; und vom Schriftsteller erwartete er das Interesse fr das "Flieáende zwischen Individuen und Typen“. Wieweit er es mit seiner Typologie von Menschen trieb, zeigt seine Sammlung von fnfzig Charakteren in dem Buch "Der Ohrenzeuge“. Wenn auch die Namen dieser Charaktere nicht immer ganz ernsthaft sind und schlecht in eine sachliche Typologie von Menschen passen wrden, was Canetti damit erfasst hat und wie er sie definiert, trifft stets den Kern. So nennt er den "Namenlecker“ jenen, der keine Mhe scheut, in die N„he des Namens zu kommen, den er lecken will; der "Hinterbringer“ ist einer, der nichts fr sich behalten kann, was andere kr„nkt; dem "Wortfrhen“ fallen die leeren Worte wie taube Haselnsse aus dem Mund, er spricht, bevor er gedacht hat, ihm geht nicht das Herz, sondern die Zungenspitze ber; der "Gottprotz“ hat im Buch der Bcher seine Rckensttze und was immer er unternimmt, Gott unterschreibt es; der "Gr”áenforscher“ schlieálich – und hier wird die N„he zum Destillierer sichtbar – hat objektive Kriterien, versteht sich auf alles und berechnet es genau, und alle, die nicht an diese seine Maást„be heranreichen, wirft er ver„chtlich beiseite.

So amsant manche dieser Typenbezeichnungen auch klingen, so sp”ttisch viele der Erkl„rungen formuliert sind, man sprt bei allen einen herben, bitteren Beigeschmack der Entt„uschung. Der Menschensucher Canetti hat wenig Erfolg gehabt bei seiner Suche nach dem einen, dem guten Menschen. Das sprt man auch bei seinen Anmerkungen zu den vielen Knstlern und Schriftstellern, mit denen er bekannt war, die seinen Weg kreuzten und die er in ihrem Tun beobachtete. Da waren die so unterschiedlichen Brder Wieland Herzfelde und John Heartfield, da waren Leonhard Frank und Georg Grosz, da war Fritz Wotruba, den er "die wildeste Figur“ in seinem Leben nannte, weil alles, was sie zusammen taten, "dramatischen Charakter“ bekam.

Seine Charakteristik von Bertolt Brecht muss erstaunen, wenn man bedenkt, wie wenige Male er dieses "hungrige Gesicht“ zu sehen bekam. Brecht in seiner "proletarischen Verkleidung“ war einer, "der immer fabrizierte, und das war das Eigentliche, worauf er aus war“, ansonsten hielt er wenig von Menschen, sondern nahm sie hin. Kann man Brecht noch krzer – und auch treffender – charakterisieren? Žhnlich genau sind seine Bemerkungen zu dem Musiker Alban Berg und dem Maler Oskar Kokoschka. Ernst Bloch traf er nur ein einziges Mal, aber die Anekdote, die er darber erz„hlt, ist der ganze Bloch. Was er fr hohe Maást„be an die Literatur legte, wird sichtbar, wenn man erf„hrt, dass er Stefan Zweig und Franz Werfel zur "Alltagsliteratur“ dieser Jahre z„hlte. Von Isaak Babel, den er in Berlin kennen- und sch„tzen lernte, bernahm er eine Erkenntnis, die fr sein eigenes Schaffen, fr seine Sicht auf die Literatur bestimmend wurde, n„mlich "daá man sehr lange hinsehen kann, ohne etwas zu wissen, daá es sich erst viel sp„ter entscheidet, ob man etwas von einem Menschen weiá, n„mlich dann erst, wenn man ihn aus dem Auge verloren hat; daá man sich trotzdem, ohne noch etwas zu wissen, alles gut merken kann, was man sieht oder h”rt, daá die Dinge in einem unangetastet und unverdorben ruhen, solange man sie nicht zum Amsement fr andere miábraucht."

In seinen Betrachtungen zum Knstler im engeren und zum Intellektuellen im weiteren Sinne machte er darauf aufmerksam, dass es wohl eine "Erblast“ der Intellektuellen sei, dass fr sie die Welt nur aus Intellektuellen bestnde, woraus sich Enge und Beschr„nktheit ihrer Wirkungsm”glichkeiten erkl„rten. Auch das Bild des Hofnarren taucht bei ihm auf, wenn er ber den Knstler und den Intellektuellen nachdenkt. Im Unterschied zu anderen interpretiert er jedoch die Beziehung zwischen dem Hofnarren, der in einer Art Freiheit vor seinem Herrn agiert, und dem Herrscher, der ihn besitzt, dem er letztlich ausgeliefert ist, als ein Verh„ltnis von einer Art eingebildeter Freiheit – und zwar von beiden Seiten aus. Der Intellektuelle, der nur zu oft als Kritiker, als Warner, ja als Prophet auftrete und der bewundert wird, wenn seine Voraussagen eintreffen, werde eigentlich zu Unrecht geachtet: "Zu bewundern w„re ein Prophet, der etwa Gutes vorausgesagt hat. Denn dieses, und nur dieses ist unwahrscheinlich.“

Wenn Canetti ber den Knstler, den Schriftsteller, den Dichter nachdenkt, wenn er dessen Aufgabe und Verantwortung benennt, reicht die Palette von h”chsten Anforderungen bis zu einem pessimistisch gef„rbten Minimalanspruch. Auf der einen Seite verlangt er, dass der Dichter originell sein muss, dass er der Drang zur Zusammenfassung seiner Zeit verspren muss und dass er zugleich gegen seine Zeit stehen und sich gegen sie bekennen muss. Auf der anderen Seite liest man als die bescheidenste, doch wohl wichtigste Aufgabe des Dichters, das Gelesene weiterzutragen. Was er jedoch immer verlangt, ist die untrennbare Verknpfung mit seiner Zeit; nur dann kann er sie umfassend begreifen, darstellen und ihr so zugleich widerstehen. “Der wahre Dichter aber, wie wir ihn meinen, ist seiner Zeit verfallen, ihr leibeigen und h”rig, ihr niedrigster Knecht. Er ist mit einer Kette kurz und unzerreiábar an sie gefesselt, ihr auf das engste verhaftet; seine Unfreiheit muá so groáe sein, dass er nirgends andershin zu verpflanzen w„re.“

Mit Ironie verweist er auf die Beziehungen der Schriftsteller untereinander, vergleicht sie mit Schlittschuhl„ufern, die sich auf der Eisbahn kunstvoll aus dem Wege gehen, oder auch mit M”wen, die sich kreischend streiten. Wohl seine ausfhrlichste und sachlichste Position hat er in seiner Rede ber den Beruf des Dichters in Mnchen 1976 entwickelt. In der "verblendetsten aller Welten“ der Gegenwart kann es nach Canetti eigentlich keine echten Dichter gebe, obwohl man sie dringend ben”tige. Programmatisch heiát es: "In seiner immerw„hrenden šbung, in seiner zwingenden Erfahrung von Menschen jeder Art, von allen, aber besonders von jenen, die am wenigsten Beachtung finden, in der ruhelosen, durch kein System verkmmerten oder gel„hmten Weise dieser šbung m”chte ich den eigentlichen Beruf des Dichters sehen.“ Und indem er seine Ansicht vom Chaotiker hier konsequent anwendet, fordert er: "Er ist der Welt am n„chsten, wenn er ein Chaos in sich tr„gt, doch fhlt er. Verantwortung fr dieses Chaos, er billigt es nicht, es ist ihm nicht wohl dabei, er kommt sich nicht groáartig vor, weil er fr so viel Gegens„tzliches und Unverbundenes Platz hat, er haát das Chaos, er gibt die Hoffnung nicht auf, es fr die anderen und so auch fr sich zu bew„ltigen.“ Und schlieálich kommt er auf das Mittel zu sprechen, auf das es dem Dichter immer und zuerst ankommen muss: "Ein Dichter w„re also... einer, der von Worten besonders viel h„lt, sich unter ihnen so gern, ja noch viel lieber umtut als unter Menschen, sich beiden ausliefert, aber doch mit mehr Vertrauen den Worten, diese von ihren Sitzen wohl auch herunterzerrt, um sie mit um so gr”áerem Aplomb wieder einzusetzen, sie befragt und betastet, streichelt, zerkratzt, hobelt, bemalt, ja dazu imstande ist, nach all seinen intimen Frechheiten sich in Ehrfurcht vor ihnen wieder zu verkriechen. Selbst wenn er, wie oft, als šbelt„ter am Worte erscheint, so ist er auch dann ein šbelt„ter aus Liebe.“

"Das Zeitalter, in dem den Menschen die Unsterblichkeit gestohlen wurde“

Canettis Leben reichte beinahe ber das ganze 20. Jahrhundert. Und er war sich in seinem Schaffen sehr wohl bewusst, dass dieses Jahrhundert eine besondere Bedeutung besaá, gerade auch im Vergleich mit allen seinen Vorg„ngern. Dabei ging er davon aus, dass im historischen Denken der Jahrhundertbegriff, die Zeiteinteilung der geschichtlichen Abl„ufe in Jahrhunderte eine besondere Rolle spielt; die Menschheit flle alles, was ihr wichtig erscheine, "in den Sack der Jahrhunderte“, und der Begriff Jahrhundert selbst gewinne dadurch etwas durchaus Ehrwrdiges.

Was Canetti nun in diesem seinen Jahrhundert erlebte,was er mit ansehen musste, was er – vor allem auch unter seiner zentralen Fragestellung von Masse und Macht – zu verarbeiten gezwungen war, lieá fr ihn keinen anderen als einen pessimistischen Schluss zu. So bezeichnete der denn auch sein Jahrhundert als jenes Zeitalter, "in dem den Menschen die Unsterblichkeit gestohlen wurde“, fgte aber auch hinzu, dass der eigentliche Dieb die Menschen selber gewesen seien. Je „lter er und sein Jahrhundert wurden, desto klarer wurde ihm, dass sich die Welt nicht zum Besseren entwickelt hatte, dass ihre Gef„hrdungen vielmehr dramatisch zugenommen hatten. "Wenn ich von Katastrophen„ngsten gepeinigt werde, sage ich mir manchmal: vielleicht bleibt es wenigstens, wie es ist, vielleicht wird es nicht noch schlimmer. Das ist das H”chste geworden, wozu ich mich kriegen kann, und ich verfluche dieses erb„rmliche Ergebnis eines Lebens.“ Die Zeit erschien ihm immer r„tselhafter in ihrer Bedrohlichkeit, da nicht nur einzelne Gruppen von Menschen, sondern die Menschheit selbst auf dem Spiel stand.

Was ihm besonders auffiel, war, dass das Leben immer rascher wurde, damit mehr Zeit bleiben sollte; doch es wurde ganz im Gegenteil immer weniger Zeit. Und auch das fand er an dieser Zeit Hervorhebenswert: dass sie sich durch immer neue Dinge, jedoch nicht durch neue Gedanken auszeichnete. Mit besonderer Skepsis betrachtete er die schnell wachsende Bedeutung der Technik im Leben des Menschen und der Gesellschaft. Die Technik, so seine Ansicht, lenke den Menschen gerade von dem ab, was ihn wirklich ausmacht und was er tats„chlich ben”tigt. Canetti steht hier eindeutig auf der Seite jener Skeptiker, die eben nicht einen technischen Fortschritt um jeden Preis zulassen wollten, die vor den Gefahren einer technisierten Welt warnten, weil sie an vielen Symptomen zu erkennen glaubten, dass das Humanum in diesem Prozess auf der Strecke bleibe. In seiner groáen Mnchner Rede im Jahre 1976 ber den Beruf des Dichters erkl„rte Canetti ganz in diesem Sinne: "Seit wir unsere Prophezeiungen Maschinen anvertraut haben, haben Prophezeiungen jeden Wert verloren. Je mehr wir von uns abspalten, je mehr wir leblosen Instanzen anvertrauen, desto weniger sind wir Herren ber das, was geschieht. Aus unserer wachenden Macht ber alles, Unbelebtes wie Belebtes und besonders ber Unseresgleichen, ist eine Gegenmacht geworden, die wir nur scheinbar kontrollieren.“

Canetti hat die beiden Weltkriege des Zwanzigsten Jahrhunderts erlebt; der Erste Weltkrieg griff direkt in seine Kindheit ein, den Zweiten Weltkrieg beobachtete er aus dem Exil im durchaus nicht sicheren London. Aus seinem Hass auf den Krieg berhaupt hat er nie einen Hehl gemacht, befestigte jeder Krieg doch gerade das im Menschen, was man an ihm am tiefsten verabscheute. Was ihn zutiefst beunruhigte, war die Tatsache, dass sich Kriege von solchem Ausmaá in so kurzer Zeit wiederholen konnten, dass die Menschheit offensichtlich nichts gelernt hatte. Sarkastisch meinte er, dass dem Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts die Grauen des Mittelalters gel„ufiger w„ren als die der Weltkriege und dass es wohl schwerer sein wrde, heute einen einzigen Menschen ”ffentlich zum Feuertod zu verurteilen als einen neuen Krieg zu entfesseln. Als die USA im August 1945 in Japan die Atombombe einsetzten, war fr Canetti der "Traum von der Unsterblichkeit" zerschlagen. Bang fragte er, was die Erde mit dieser neuen Mndigkeit anfangen werde, da die Atombombe zum Maá aller Dinge geworden sei. Alle bisherige Geschichte trage von nun an ein geradezu harmloses Gesicht: Dschingis Khan und Hitler erscheinen gegenber den jetzigen M”glichkeiten als "kl„gliche Lehrlinge und Stmper“. Allerdings hoffte er trotz allem auf eine wachsende Erkenntnis, dass knftige Kriege fr Sieger wie Besiegte gleichermaáen widersinnig seien und es zu einer "unwiderruflichen Verfemung“ des Krieges kommen werde.