"Wir Autoren sind die geborenen Einmischer...“ - HEINRICH B™LL

Heinrich B”ll wurde am 21. Dezember 1917 in K”ln geboren. Sein Vater Viktor B”ll, von Beruf Schreinermeister, war 1896 aus Essen nach K”ln gekommen, wo er mit einem Partner ein Atelier fr kirchliche Kunst gegrndet hatte. Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete er Maria Hermanns aus Dren. Von den sieben Kindern aus beiden Ehen war Hein, wie er in der Familie gerufen wurde, der jngste. Wie B”ll sp„ter h„ufig betonte, war seine Familie streng katholisch. Ansonsten sei eine soziale Einordnung aber nicht so einfach. "Ich weiá es bis heute nicht; wir waren weder rechte Kleinbrger noch bewuáte Proleten, hatten einen starken Einschlag von BohŠme; das Wort 'brgerlich' war eins unserer klassischen Schimpfworte geworden...", heiát es in dem autobiographischen Bericht "Was soll aus dem Jungen bloá werden? Oder: Irgendwas mit Bchern.“

Nach dem Besuch einer katholischen Volksschule und des Kaiser-Wilhelm-Gymnasiums - das Reifezeugnis erhielt er im Februar 1937 - und einem kurzen Versuch als Buchhandelslehrling in Bonn entschloss sich der junge Mann, als freier Schriftsteller leben zu wollen. Anlass dafr waren erste Kurzgeschichten, die er in diesen Jahren geschrieben hatte. Dass daraus zu diesem Zeitpunkt nichts wurde, dafr sorgten der Arbeitsdienst, zu dem B”ll im Herbst 1938 einberufen wurde. Auch seine Anmeldung bei der K”lner Universit„t im Sommer 1939, wo er Germanistik und klassische Philologie studieren wollte, konnte er bald vergessen: bereits im Juli 1939 erhielt er seinen Einberufungsbefehl. Damit begann fr ihn die Leidenszeit als Soldat, ein Lebensabschnitt, der tiefe Spuren hinterlieá. Nur wenig Zeit blieb ihm in diesen Jahren fr sein privates Leben. Er heiratete Annemarie Cech, die er 1930 als eine Freundin seiner „lteren Schwester Mechthild kennen gelernt hatte. Auch hier blieb das Leid nicht aus. Ihr erster Sohn, der im Juli 1945 geborene Christoph, starb bereits nach wenigen Wochen im Oktober des gleichen Jahres.

Den Zweiten Weltkrieg erlebte er als Infanterist von Anfang bis zum bitteren Ende an den verschiedensten Fronten: in Polen und Frankreich, an der Ostfront auf der Krim, in Rum„nien und Ungarn. Seine milit„rische Karriere endete beim Obergefreiten. Wie viele seiner Kameraden blieb er weder von einer schweren Ruhrerkrankung noch von Verwundungen verschont. 

Sechs wichtige Jahre der Entwicklung, in denen man unter normalen Verh„ltnissen sein knftiges Leben entscheidend vorbereitet und pr„gt, waren B”ll verlorengegangen. Aber es war nicht nur dieser private Verlust, der ihn zu einem konsequenten Kriegsgegner werden lieá, der jegliche milit„rische Gewalt auf das tiefste verabscheute. Es ging ihm auch um die gesellschaftlichen Ursachen, die zum Faschismus und zum Krieg gefhrt hatten. Dem Nationalsozialismus stand er auf Grund seiner katholischen Erziehung und seines kritischen Elternhauses von Anfang an ablehnend gegenber. "Meine unberwindliche (und bis heute unberwundene) Abneigung gegen die Nazis war kein Widerstand, sie widerstanden mir, waren mir widerw„rtig auf allen Ebenen meiner Existenz: bewusst und instinktiv, „sthetisch und politisch...".

Im April 1945 geriet Heinrich B”ll in amerikanische Gefangenschaft, wurde jedoch schon im September entlassen und konnte zu seiner Familie nach K”ln zurckkehren. Und hier, in K”ln, war und blieb der Mittelpunkt seines weiteren Lebens. Denn seiner Heimatstadt K”ln hat er immer die Treue gehalten. Zwar wechselte er mehrfach die Wohnungen und konnte sich einige bessere Adressen erlauben, so, als er 1954 ein eigenes Haus bezog; aber so richtig verlassen hat er die Stadt nie, auch als er sich 1958 ein Haus in Dugort bei Keel auf Achill Island (Irland) und sp„ter – 1982 – in Bornheim-Merten ein l„ndliches Anwesen leistete. "Wir zogen gleich wieder in das v”llig zerst”rte K”ln zurck,“ erinnerte er sich sp„ter, "und ich lebe heute wieder dort, obwohl meine Freunde mich oft fragen, warum ich diese v”llig unliterarische und ruhige Stadt nicht verlasse, aber etwas spricht fr K”ln, etwas sehr Bedeutsames: in keiner Stadt Deutschlands hat Hitler sich so wenig wohl gefhlt, hat er sich so selten blicken lassen, und die K”lner haben etwas penetrant Unmilit„risches: das spricht fr K”ln, und ich lebe gerne dort.“

Die unmittelbaren Nachkriegsjahre waren fr B”ll eine harte Zeit. Auf der einen Seite musste er Geld verdienen, um seine Familie zu ern„hren, die sich schnell vergr”áerte: zwischen 1947 und 1950 wurden seine drei S”hne Raimund, Ren‚ und Vincent geboren. Auf der anderen Seite wollte er seinen Traum vom Schreiben als Lebensinhalt nicht aufgeben und hatte sich im Frhjahr 1946 an der K”lner Universit„t eingeschrieben. "Die Universit„t besuche ich alle halbe Jahr einmal - was soll mir das wesenslose Gerede da ntzen; meinen Lebensunterhalt verdiene ich im Moment noch bei meinem Bruder als Hilfsarbeiter ... Und meine eigentliche Arbeit, meine groáe Freude und meine groáe Not ist, daá ich abends schreibe; ja, ich habe das Wagnis begonnen und schreibe," heiát es in einem Brief vom Oktober 1946 an seinen Kriegskameraden und Freund Ernst-Adolf Kunz. Die ersten Ergebnisse dieser schriftstellerischen Arbeit blieben lange Zeit unbekannt; der zwischen 1949 und 1951 entstandene Roman "Der Engel schwieg“ erschien zum Beispiel erst 1992. So war es denn auch das Einkommen seiner Frau, die als Lehrerin arbeitete, das zum Lebensunterhalt der Familie wesentlich beitragen musste. Zu ersten gr”áeren Ver”ffentlichungen kam es 1949 mit der Erz„hlung "Der Zug war pnktlich“ und 1950 mit einer Sammlung von 25 Kurzgeschichten unter dem Titel "Wanderer, kommst du nach Spa“. Aber seine Brotarbeit leistete er anderswo, so beim Statistischen Amt der Stadt K”ln.

Eine Wende in dieser nicht gerade hoffnungsvollen Situation brachte eine Einladung, im Mai 1951 an einer Tagung der Gruppe 47 in Drkheim teilzunehmen. Hier las er seine Erz„hlung "Die schwarzen Schafe“ vor und erhielt den damals mit 1000. - DM notierten Preis der Gruppe 47. Von nun an ging es aufw„rts, und B”ll entschloss sich endgltig, als freier Schriftsteller zu leben. Allerdings blieb er seinen Themen treu, die er aus dem eigenen Erleben am besten kannte: die Schrecken und das menschliche Leid des Krieges sowie die Zerst”rungen und die Armut der Nachkriegsjahre. Er merkte bald, dass diese Themen immer weniger gefragt waren, aber er wollte und konnte sich nicht der "allgemeinen Pralinenproduktion“ anschlieáen, die mit dem wirtschaftlichen Aufschwung der Bundesrepublik schnell aufkam und zunahm. Gegen die Einw„nde und Vorwrfe seitens der Literaturkritik, er betreibe nur eine Kriegs- und Trmmerliteratur, verteidigte er seine Position konsequent. "Es ist unsere Aufgabe, daran zu erinnern, daá der Mensch nicht nur existiert, um verwaltet zu werden - und daá die Zerst”rungen in unserer Welt nicht nur „uáerer Art sind und nicht so geringfgiger Natur, daá man sich anmaáen kann, sie in wenigen Jahren zu heilen. Der Name Homer ist der gesamten abendl„ndischen Bildungswelt unverd„chtig: Homer ist der Stammvater europ„ischer Epik, aber Homer erz„hlt vom Trojanischen Krieg, von der Zerst”rung Trojas und von der Heimkehr des Odysseus - Kriegs-, Trmmer- und Heimkehrerliteratur -, wir haben keinen Grund, uns dieser Bezeichnung zu sch„men."

Heinrich B”ll entfaltete eine geradezu unwahrscheinlich anmutende Produktivit„t, so, als wollte er die verlorene Zeit doppelt und dreifach aufholen und nacharbeiten. Der Erz„hler B”ll hat nicht nur viel auf dem Herzen; er erlebt auch die sich ver„ndernde Welt, indem er schreibt. Da sind seine weit ber hundert Kurzgeschichten, Satiren, viele kleinere und bis in romanhafte L„nge reichende groáe Erz„hlungen. Da sind seine Romane von "Wo warst du, Adam?“ (1951) ber "Haus ohne Hter“ (1954) und "Billard um halb zehn“ (1959) bis zu den "Ansichten eines Clowns“ (1963), dem "Gruppenbild mit Dame“ (1971) und der "Frsorglichen Belagerung“ (1979) sowie den kurz nach seinem Tod erschienenen "Frauen vor Flusslandschaft“. Darber hinaus schrieb er sein vielgelesenes "Irisches Tagebuch“, unz„hlige Essays, Artikel und Rezensionen. Nicht vergessen darf man seine H”rspiele und H”rbilder sowie die šbersetzungen, die er oft gemeinsam mit seiner Frau erarbeitete. Auch auf dem Gebiet des Theaters versuchte er sich, wovon zum Beispiel das im Dezember 1961 uraufgefhrte Stck "Ein Schluck Erde“ zeugt. Viele seine Arbeiten, wie zum Beispiel "Das Brot der frhen Jahre“, "Die Ansichten eines Clowns“, "Ende einer Dienstfahrt“ oder "Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ wurden verfilmt. Die letztgenannte Erz„hlung erhielt durch Margarethe von Trotta eine Bhnenfassung, und 1991 wurde die nach dieser Erz„hlung gestaltete Oper von Tilo und Dorothea Medek uraufgefhrt.

Diese unerh”rte sch”pferische Arbeitsleistung als Schriftsteller war verbunden mit einer stetig anwachsenden Aktivit„t im kulturellen und gesellschaftlichen Leben der Bundesrepublik und darber hinaus. B”ll geh”rte zu den Mitbegrndern der Zeitschriften "Labyrinth“ und "L '76“. 1969 wurde er Pr„sident des deutschen PEN-Zentrums, von 1971 bis 1974 hatte er diese Funktion im internationalen PEN-Zentrum inne. Mit viel pers”nlichem Einsatz trat er fr verfolgte Schriftsteller, vor allem auch in der Sowjetunion und der Tschechoslowakei, ein. Er engagierte sich in innenpolitischen Auseinandersetzungen, geh”rte zum Beispiel 1972 der sozialdemokratischen W„hlerinitiative an und warb auf Wahlveranstaltungen fr Willy Brandt. Auch in der Friedensbewegung trat er aktiv auf. Und in seiner pers”nlichen Auseinandersetzung mit der katholischen Kirche zog er Konsequenzen: Als Linkskatholik immer wieder angefeindet, bezahlte er bereits seit 1969 keine Kirchensteuern mehr und trat 1976 gemeinsam mit seiner Frau aus der Kirche aus.

Schlieálich ist nicht eine gewisse Unrast zu bersehen, die B”ll in diesen Jahren umtrieb. So wechselte er seit 1945 mehrfach seine K”lner Wohnung, bis er 1982 nach Bornheim-Merten zog. Viel Zeit verbrachte er auf seinen l„ndlichen Anwesen in Irland und in Langenbroich in der Eifel. Darber hinaus unternahm er unz„hlige Reisen, die ihn nach Irland und Frankreich, in die Sowjetunion und die Tschechoslowakei, nach Italien und Israel fhrten.  

Die Produktivit„t des Schriftstellers und die Aktivit„t des Brgers B”ll brachten ihm viele Preise und Ehrungen ein. In den fnfziger Jahren waren das der Erz„hlerpreis des Sddeutschen Rundfunks, der Eduard-von-Heydt-Preis der Stadt Wuppertal und der Groáe Kunstpreis von Nordrhein-Westfalen. In den sechziger Jahren war es vor allem der Georg-Bchner-Preis der Deutschen Akademie fr Sprache und Dichtung in Darmstadt, in den siebziger Jahren der Nobelpreis fr Literatur und in den achtziger Jahren die Ernennung zum K”lner Ehrenbrger und zum Professor.

Natrlich war die Auszeichnung mit dem Literaturnobelpreis eine besondere Anerkennung. Der zu dieser Zeit st„ndige Sekret„r und Sprecher des Nobelpreiskomitees, Karl Ragnar Gierow, sah in Heinrich B”ll vor allem einen literarischen und moralischen Repr„sentanten der Erneuerung in Deutschland. In seiner Begrndung hieá es deshalb auch: "Die Erneuerung im Bereich der deutschen Literatur, von der Heinrich B”lls Schaffen Zeugnis ablegt und an der er selbst in so bedeutsamer Weise beteiligt ist, ist kein Formexperiment: wer vom Ertrinken bedroht ist, bt nicht Kunstschwimmen. Es handelt sich hier um eine Erneuerung aus Vernichtung, um wiedererwecktes Leben, um eine geistige Saat, von Frostn„chten heimgesucht, zur Ausrottung verurteilt, die aufs neue keimt und Frchte tr„gt, uns allen zu Nutz und Frommen.“ Heinrich B”ll selbst hat in seiner Rede zur Verleihung des Nobelpreises am 10. Dezember 1972 in Stockholm ein mehr als klares Bekenntnis zu seinem Standort als Repr„sentant der deutschen Sprache abgegeben und zugleich an die lange Zeit erinnert, in der eine solch Ehrung aus internationaler Sicht unm”glich erschien. "Der Weg hierher war ein weiter Weg fr mich, der ich, wie viele Millionen aus dem Krieg heimkehrte und nicht viel mehr besaá als die H„nde in der Tasche, unterschieden von den anderen nur durch die Leidenschaft, schreiben und wieder schreiben zu wollen“, sagte er und hob dann hervor: "Mit Bangen denke ich an meine deutschen Vorg„nger hier, die innerhalb dieser verfluchten Dimension Eigentlichkeit keine Deutschen mehr sein wollten. Nelly Sachs, von Selma Lagerl”f gerettet, nur knapp dem Tod entronnen. Thomas Mann, vertrieben und ausgebrgert. Hermann Hesse, aus der Eigentlichkeit ausgewandert, schon lange kein deutscher Staatsbrger mehr, als er hier geehrt wurde. Fnf Jahre vor meiner Geburt, vor sechzig Jahren, stand hier der letzte deutsche Preistr„ger fr Literatur, der in Deutschland starb, Gerhart Hauptmann. Er hatte seine letzten Lebensjahre in einer Version Deutschland verlebt, in die er wohl trotz einiger Missverst„ndlichkeiten nicht hineingeh”rte. Ich bin weder ein Eigentlicher noch eigentlich keiner, ich bin ein Deutscher, mein einzig gltiger Ausweis, den mir niemand auszustellen oder zu verl„ngern braucht, ist die Sprache, in der ich schreibe.“

Nicht alle ihm angetragenen Ehrungen erfllten ihn mit Freude. So fhrte seine konsequente Haltung in politischen Auseinandersetzungen dazu, dass er zum Beispiel 1979 – gemeinsam mit Gnter Grass und Siegfried Lenz - die Ehrung mit dem Bundesverdienstkreuz ablehnte. Ebenso energisch wehrte er sich gegen Wertungen, die ihn zum "Gewissen der Nation“ machen wollten. Als ihn der Literaturkritiker Reich-Ranicki einerseits dazu aufforderte, mit der Zeit Schritt zu halten und ihn gleichzeitig als "praeceptor Germaniae“ ausrief, lehnte er das Schritthalten fr sich prinzipiell ab und wandte sich auch gegen jede Heroisierung. In einem Brief an die Schriftstellerin Hilde Domin schrieb er dazu: "Ich will nicht Deutschlands Heinrich sein. Gerade das meine ich ja, wenn ich von Austauschbarkeit spreche. Ich will kein Image haben und keins sein, und die, die eins aus mir machen, sollten es selbst verantworten. Deutschland braucht keine Pr„zeptoren, deren hat es genug gehabt, es braucht kritische, aufmerksame Brger, die nicht immer und unbedingt Autoren sein mssen. Was Autoren sind: auch Brger, m”glicherweise artikulierte, sonst nichts. Ich bin gegen Helden-Verehrung, Denkm„ler, Images und Ikonen."

Seine Produktivit„t als Schriftsteller und sein gesellschaftliches Engagement brachten ihm nicht nur Auszeichnungen und Ehrungen ein. Immer h„ufiger stand er im Mittelpunkt geistiger und politischer Polemik, sah sich Verleumdungen und anderen Angriffen ausgesetzt. Einen H”hepunkt dieser Entwicklung, der ein erschreckendes Bild auf die moralische und kulturelle Situation der Bundesrepublik warf, war der direkte Vorwurf, Heinrich B”ll geh”re zu den geistigen Urhebern des Terrorismus, wie er sich in den siebziger Jahren in der Bundesrepublik in Gestalt der RAF zeigte. Geradezu b”sartige Attacken kamen von Hans Habe – so in seinem Artikel "Requiem auf Heinrich B”ll“ in der "Welt“ vom 18. August 1974 -, der sich bereits nach Ende des Zweiten Weltkrieges mit seinen Angriffen auf Hermann Hesse hervorgetan hatte. Als es mit der Entfhrung von Martin Schleyer 1977 zu einer Hysterie in Sachen Terrorismus kam und Heinrich B”ll vor den Folgen solcher Massenstimmung warnte, geriet er wiederum massiv ins Zentrum von Angriffen, die von den Springer-Bl„ttern bis zu Franz Josef Strauá reichten. Peter Boenisch nahm in "Bild am Sonntag“ vom 9. Oktober 1977 die Gelegenheit wahr, indem er auf die 1974 erschienene Erz„hlung "Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ Bezug nahm, in der sich B”ll mit den Folgen der Massenhysterie auseinander setzte, dem Nobelpreistr„ger fehlende politische Einsicht zu unterstellen. Unter dem Titel "Die m„nnliche Katharina Blum“ hieá es da: ""Die politische Begabung des Heinrich B”ll steht im umgekehrten Verh„ltnis zu seinem schriftstellerischen Genie... Des Volkes linke Dichter leiden an Selbstbersch„tzung und unangemessenem Selbstmitleid, wenn sie die notwendige Auseinandersetzung mit den Ursachen des Terrorismus zur 'Hexenjagd gegen Intellektuelle’ hochpusten... Aber B”lls und anderer Mitschuld an der Verharmlosung terroristischer Gewalt..., diesen Fleck w„scht niemand aus ihrem Hemd.“ Die Front gegen die als "Linksintellektuelle“ diffamierten Schriftsteller Heinrich B”ll, Luise Rinser, Gnter Grass und andere reichte von der Tribne des Bundestages bis in die theoretische Polemik. Ein Lehrstck war der Exkurs, den der Soziologe Helmut Schelsky in seinem Buch "Die Arbeit tun die anderen. Klassenkampf und Priesterherrschaft der Intellektuellen“ unter dem Titel "Heinrich B”ll – Kardinal und M„rtyrer“ ver”ffentlichte. B”ll setzte all den Angriffe, Unterstellungen und Verd„chtigungen zu seinem politischen Standort das klare Bekenntnis entgegen: "Ich bin bewuáter und berzeugter Brger der Bundesrepublik Deutschland, deren Grundgesetz ich fr sehr gut halte."

Es ist verst„ndlich, dass die ber viele Jahre erfolgenden massiven Angriffe von allen Seiten ihre Spuren hinterlieáen. Er resignierte zwar nicht total, aber es war eine tiefe Mdigkeit sprbar. Hinzu kam, dass er, der nie eine kr„ftige Konstitution besessen hatte, Ende der sechziger Jahre schwer an Diabetes und Hepatitis erkrankte. Auch h„ufige Sanatorien-Aufenthalte in der Schweiz, die er seit 1976 unternahm, brachten keine endgltige Besserung. Als er Ende 1979 mit seiner Frau zu seinem Sohn Vincent nach Quito in Ecuador reiste, kam es zum Zusammenbruch. Er musste sich einer komplizierten Operation unterziehen. Auch nach seiner Rckkehr 1980 nach Deutschland kam es zu einer schweren Operation mit mehrmonatigem Krankenhausaufenthalt. Als er 1985 erneut operiert werden musste, starb er nur einen Tag nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus - am 16. Juli 1985 - in seinem Haus in Langenbroich. Beigesetzt wurde Heinrich B”ll auf dem Friedhof von Bornheim-Merten.

In seiner 2000 erschienenen Biographie "Der andere Deutsche - Heinrich B”ll“ schreibt der K”lner Literaturkritiker ber seinen langj„hrigen Freund: "Literatur war fr Heinrich B”ll nicht ein H”heres, das erlaubte, von gesellschaftlicher Realit„t abzusehen. Fr ihn war Literatur ein Medium, in dem diese Realit„t zu sich selbst kam, und darin war er unbeirrbar."

Wenn B”ll ber die Literatur im engeren Sinne und den Schriftsteller sprach, interessierte ihn vor allem die gegenw„rtige Position von Literatur und Schriftsteller. Von sich selbst sagte er in diesem Zusammenhang, dass er sich bei aller Einsamkeit des unmittelbaren Schaffensprozesses nie als einzelner empfunden, sondern sich stets an eine Generation und deren Erlebtes gebunden gefhlt habe. Wenn man ihn deshalb einen Autor der kleinen Leute genannt habe, so empfinde er das nicht als Herablassung, sondern als Schmeichelei. Die so betonte Gebundenheit an die Erfahrungen einer ganz bestimmten Generation, die Forderung nach dem Zeitgenossen schloss allerdings nicht aus, dass B”ll den Schriftsteller in seiner Zeit und unter den konkreten Bedingungen der Bundesrepublik als einen Auáenseiter ansah. "In eine Gesellschaft, die ihren Rang durch Verbrauch bestimmt oder gezwungen wird, ihn dadurch zu bestimmen, die keinen Stil hat, nicht einmal maniriert ist, nur snobistisch, geh”rt ein Schriftsteller nicht hinein.“ Und der Literatur drfe nirgendwo auf der Welt die Aufgabe gestellt werden, fr irgendeine Ideologie oder eine bestimmte politische oder ”konomische Ordnung Werbung zu betreiben. Das bezog er ausdrcklich auf die ”stliche wie die westliche Welt.

B”ll verstand die Schriftsteller als Personen ohne etablierte Macht; trotzdem wies er immer wieder darauf hin, dass das keineswegs bedeute, dass man ohnm„chtig sein msse. Dazu drfe man sich aber nicht der Macht beugen. Ein Autor, der sich der Macht anbiedere, sei geradezu kriminell. Vielmehr sah er den einzig m”glichen Status eines Autors darin, stets umstritten zu sein; ungef„hrliche Bcher, so schrieb er in einem Artikel ber Balzac, seien eigentlich keine Bcher. 1968 betonte er, dass der Schriftsteller von Natur zur auáerparlamentarischen Opposition geh”re. "Mein Autor lebt nicht auf einem Leuchtturm, der Reinheit ausstrahlt, ringsum Schmutz entdeckt und nun im Vollglanz seiner Reinheit diesen Schmutz zu beschimpfen beginnt. Mein Autor lebt auf der Erde, aus der er gemacht ist, und seine Bitterkeit ist die Bitterkeit der Erde, aus der er gemacht ist.“

Wie kaum einer der deutschsprachigen Literaturnobelpreistr„ger identifizierte sich Heinrich B”ll mit den Intellektuellen, sah er in ihnen doch eine Gruppe von Pers”nlichkeiten, die durchaus gesellschaftlich wirksam werden konnten. Schon als er ber die Schriftsteller seiner Zeit nachdachte, bezeichnete er sie als eine "kleine internationale Nation“, die sich untereinander weniger fremd sei als oft innerhalb der eigenen Nation, wo man sie nicht verstehe oder nur benutze. Die Intellektuellen sind fr ihn die Geistesschaffenden, die ihre anerkannten Leistungen, ihren Bekanntheitsgrad und "Ruhm“ dafr benutzen, um unliebsame Wahrheiten auszusprechen, um sich ”ffentlich zu gesellschaftlichen Prozessen zu „uáern, die nicht unbedingt etwas mit ihrer eigentlichen Arbeit – sei es nun in der Wissenschaft oder Kunst – zu tun haben. Dabei hatte er die Erfahrung gemacht, dass man in der Bundesrepublik schon als Intellektueller gelte, wenn man anfange, nachdenklich zu werden; und wer gar Schlsse aus seinen Gedanken ziehe, sei schnell ein "zersetzender Intellektueller“. Zugleich verteidigte B”ll den Titel eines Intellektuellen gegen seinen Missbrauch, wenn er sarkastisch davon sprach, dass sich bald jeder Intellektueller nennen k”nne, selbst wenn er nicht den einfachsten Intelligenznachweis erbracht habe. Auch um die Kennzeichnung des sozialen Standortes der intellektuellen Kr„fte war er bemht. So sah er im Gegensatz zum Adel, dem er lediglich eine "Illustrierten-Rolle“ zuerkannte, die kulturell produktiven Kr„fte der Bundesrepublik "immer noch und immer wieder“ im Kleinbrgertum, im Brgertum und in der Arbeiterschaft.

Heinrich Vormweg hat es in seiner B”ll-Biographie als erstaunlich bezeichnet, "daá der so spontane, gefhlsbestimmte Erz„hler Heinrich B”ll sehr frh schon als ein notorischer Intellektueller hervortrat"; erstaunlich sei auch, dass sich er Erz„hler und der Intellektuelle nicht ausgeschlossen h„tten, sondern einander erg„nzten und inspirierten: "Beiden ging es um die Menschen und ihr Zusammenleben, um die Gesellschaft, die fr B”ll offensichtlich ber die einzelnen hinweg eine eigene, pr„gende Realit„t darstellte."

B”ll wusste um den m”glichen Einfluss der Intellektuellen, wobei er keineswegs nur an Linksintellektuelle dachte, die die Gesellschaft kritisch untersuchten, sondern auch an jene, die ber die Medien das geistige Klima eines Landes wesentlich beeinflussen konnten. Er sah recht nchtern, wie in den sozialistischen L„ndern – von der Sowjetunion ber die Tschechoslowakei bis hin zur DDR – der Typ des "zersetzenden Intellektuellen“ fehlte oder verfolgt wurde, w„hrend die Mehrzahl der Intellektuellen ihre Privilegien nutzten und "sozialistischen Zynismus mit sozialistischer Schamlosigkeit“ betrieben. Dabei machte er darauf aufmerksam, dass die Funktion„re in diesen L„ndern ganz gezielt die Intellektuellen vom Volk trennten, weil sie deren m”glichen Einfluss kannten und wohl auch frchteten. In einem Brief an die Intellektuellen in der Tschechoslowakei schrieb er 1967: "Ich mache mir keine Illusionen ber den Stand der Freiheit fr Schriftsteller und Intellektuelle in den sozialistischen L„ndern, aber ich habe Hoffnung, eine hartn„ckige Hoffnung, dass Ihre K„mpfe und Demtigungen nicht vergebens sind. Es ist diese Hoffnung, die mich veranlasst, auch weiterhin in sozialistische L„nder zu reisen, obwohl mir die Zweideutigkeit solcher Reisen klar ist. Einerseits bekundet man scheinbar Einverst„ndnis mit den Parteifunktion„ren in den viel zu m„chtigen Schriftstellerverb„nden, anderseits ist es die einzige M”glichkeit, Gespr„che zu fhren und Freunde zu treffen.“ 

Es war daher nur zu verst„ndlich, dass B”ll die Ereignisse in der Tschechoslowakei 1968 mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgte, erkannte er doch im "Prager Frhling“ eine reale Chance, hier einen demokratischen Sozialismus zu etablieren, in dem endlich auch sozialistische Freiheit herrschen konnte. In einem "Brief aus Prag“, wo er seit dem 20. August 1968 zu Gast war, wrdigte er die Geschehnisse, verurteilte das Eingreifen Moskaus und wagte eine Voraussage, die sich erst nach mehr als zwanzig Jahren bewahrheiten sollte: "Es war sichtbar, dass wir Zeugen eines historischen Ereignisses waren, dessen Folgen noch nicht auszudenken sind. Sichtbar war auch, dass hier der von Moskau zentral gelenkte Sozialismus seinen moralischen Bankrott erkl„rte und dass es sich um eine unverhohlene Unterdrckung einer ganzen Nation handelte. Das Modell einer Hoffnung, die hier acht Monate lang verwirklicht worden war, wurde zerst”rt. In Prag und Bratislava war bewiesen worden, dass ein strenges doktrin„res System von innen heraus, aus der regierenden Partei heraus, untersttzt von Schriftstellern, Knstlern und Intellektuellen, die die Einsicht der Funktion„re st„rkten und f”rderten, ohne Gewalt reformierbar war.“

B”ll erfuhr immer wieder am eigenen Leibe, dass der Intellektuelle auch in der westlichen Welt ein Auáenseiter war, der, wenn er mit der Macht in Konflikt geriet, attackiert wurde. Das Verh„ltnis von Geist und Macht, von Intellektuellen zu den M„chtigen, das sich immer wieder zuspitzt, wurde nach B”ll dadurch gepr„gt, dass die M„chtigen nicht verstehen k”nnen, wie sich jemand fr andere mehr einsetzt als fr sich selbst, wie "hinter dem scheinbar Traumhaften die Vernunft“, hinter der "scheinbar utopischen Forderung die Exaktheit“ stecke. B”ll nannte das die "Žsthetik der W”rtlichkeit und des Rechts“.

Als Schriftsteller und Intellektueller war B”ll, wie viele seiner Kollegen, Kummer gew”hnt; aber er nahm es ber viele Jahre gelassen, da er ja wusste, dass auch er Kummer bereitete. Doch in den siebziger Jahren zeigten sich Zge der Resignation, wenn er notierte: "Anlaá, als Intellektueller und Autor in der Bundesrepublik optimistisch in die n„here Zukunft zu blicken, gibt es kaum.“ So kehrte er denn am Ende seines Lebens, wenn er ber die Intellektuellen in der modernen Gesellschaft nachdachte, zu einem Vergleich zurck, den er bereits in den fnfziger Jahren gezogen hatte: dem des Narren. Damals meinte er, dass der Hofnarr vergangener Zeiten, der wusste, dass er einer war und sich auch als solcher mit seiner Schellenkappe zu erkennen gab, eine menschenwrdigere Existenz gefhrt habe, als jener Intellektuelle, "der auf dem Podium der ”ffentlichen Meinung sich wie eine Marionette bewegt, die st„ndig zum Purzelbaum bereit ist.“ Und 1983 stellte er desillusioniert fest, "ein Hofnarr, der nicht weiá, dass er einer ist – der flstert dem Herrscher eben keine 'Wahrheiten’ mehr ins Ohr, sondern macht nur noch Witze...“ Obwohl es doch gar nicht um Leben und Tod ging, obwohl es nur um ein wenig Mut fr freie Meinungs„uáerung in der ™ffentlichkeit ging und obwohl diese Mutigen, die B”ll als die "noch Freien“ ansah, mehr als "Dinosaurier der Gesellschaft“ betrachtet wurden, forderte er zum Widerstand auf, der darin bestehen msse, von der Freiheit auch Gebrauch zu machen, weil man sonst nur zu schnell in "Thekenweinerlichkeit und privatem Jammer“ verkomme.

In seiner Rede zum Tod von Heinrich B”ll ehrte Gnter Wallraff den Schriftsteller als einen

"nicht eben h„ufig vorkommende Erinnerungsarbeiter, der die F„higkeit zu trauern vom Trmmerdeutschland der sp„ten vierziger Jahre bis zum Mutlanger Raketendeutschland der frhen achtziger Jahre bewahrte." Und er beschrieb die auch bis heute bedeutsame Rolle von B”ll und seinen Werken mit den Worten: "Er l„át uns nicht in Ruhe und sperrt sich, vorschnell eingeordnet, klassifiziert und fr jedermann verfgbar und damit missbraucht zu werden. Er wird dieser Gesellschaft - so wie sie beschaffen ist - noch lange nicht den Gefallen tun, als Klassiker zu festlichen Anl„ssen in Dienst genommen zu werden, in einer Welt, die - so B”ll - 'nach Ausbeutung stinkt'."